Karl Jürgen Skrodzki

Homepage

Inhalt

 Inhalt ausblenden!

 Druckversion

Copyright © 2003–2016

Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Höre!

Höre!

Ich raube in den Nächten

Die Rosen deines Mundes,

Daß keine Weibin Trinken findet.

Die dich umarmt,

Stiehlt mir von meinen Schauern,

Die ich um deine Glieder malte.

Ich bin dein Wegrand.

Die dich streift,

Stürzt ab.

Fühlst du mein Lebtum

Überall

Wie ferner Saum?

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 229. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 269 f.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte »Höre!« zuerst im April 1914 in der Zeitschrift »Die weißen Blätter« (Jg. 1, Heft 8. S. 798), die in Leipzig erschien. 1917 nahm sie das Gedicht in »Die gesammelten Gedichte« (Leipzig: Verlag der Weißen Bücher. S. 182) auf und druckte es dort mit der Widmung »Letztes Lied an Giselheer« ab. »Giselher« hieß der jüngste der drei burgundischen Könige des »Nibelungenliedes«, Else Lasker-Schüler sprach in ihren Dichtungen mit diesem Namen Gottfried Benn an. »Höre!« bildet in den »Gesammelten Gedichten« den Schluß eines Zyklus von elf Gedichten, die Gottfried Benn gewidmet sind, darunter die vier Gedichte »Giselheer dem Heiden«, »Giselheer dem Knaben«, »Giselheer dem König« und »Giselheer dem Tiger«.

Die Beziehung Else Lasker-Schülers zu dem siebzehn Jahre jüngeren Gottfried Benn hat die Biographen wie keine andere Freundschaft im Leben der Dichterin beschäftigt. Belege für ein intensives Liebesverhältnis, das beide verbunden haben soll, gibt es nicht. Die einzigen Quellen, die wir besitzen, sind die Dichtungen Else Lasker-Schülers und Gottfried Benns: Aus ihnen geht hervor, daß beide sich auf der Ebene der Poesie nahegestanden und dieses in ›Werbegedichten‹ zum Ausdruck gebracht haben.

Am 25. Juni 1913 veröffentlichte Else Lasker-Schüler in der »Aktion« ihren Essay »Doktor Benn«, in dem sie am Schluß schreibt: »Gottfried Benn ist der dichtende Kokoschka. Jeder seiner Verse ein Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort auferweckt.« (Jg. 3, Nr. 26. Spalte 639.) Benn erwiderte ihr Werben poetisch in dem Gedicht »Drohungen« aus dem Zyklus »Alaska«, das in der »Aktion« parallel zum Essay »Doktor Benn« abgedruckt ist. Die Verse 26–31 lauten: »Du bist Ruth. Du hast Aehren an deinem Hut. / Dein Nacken ist braun von Makkabäerblut. / Deine Stirn ist fliehend: Du sahst so lange / Ueber die Mandeln nach Boas aus. / Du trägst sie wie ein Meer, daß nichts Vergossenes / Im Spiel der Erde netzt.« Im Oktober 1913 erschien Benns zweiter Gedichtband »Söhne« mit der gedruckten Widmung: »Ich grüße Else Lasker-Schüler: ziellose Hand aus Spiel und Blut.« Die Widmung spielt auf Else Lasker-Schülers »Briefe nach Norwegen« (1911/12) an; in der 17. Folge schreibt die Dichterin mit Blick auf Karl Kraus: »Was er wohl von meiner ziellosen Hand aus Spiel und Blut denkt?« In ein Widmungsexemplar ihres im Sommer 1914 erschienenen »Geschichtenbuches« »Der Prinz von Theben« trug Else Lasker-Schüler ein: »Dem / Doktor Benn, / meinem teuren Spielgefährten Gisel, / König Giselheer dem Nibelungen / von seinem Prinzen Jussuf.«

In einer besonders engen Beziehung zur Lyrik Gottfried Benns steht das Gedicht »Höre!«, mit dem Else Lasker-Schüler unmittelbar auf Benns Gedicht »Hier ist kein Trost« antwortet, das zweite Gedicht der Else Lasker-Schüler gewidmeten Sammlung »Söhne«. »Hier ist kein Trost« beginnt mit den Worten: »Keiner wird mein Wegrand sein.« In »Höre!« hält die Dichterin Benn entgegen: »Ich bin dein Wegrand.«

Das Bild des »Wegrands« wird von Else Lasker-Schüler nur noch ein weiteres Mal in ihrem lyrischen Werk gebraucht, in dem Exilgedicht »Ich liege wo am Wegrand übermattet«. Dieses erschien zuerst am 22. März 1935 im »Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz« (Zürich) (Jg. 35, Nr. 12. S. 11) und wurde 1943 von der Dichterin in ihren letzten Gedichtband »Mein blaues Klavier« (Jerusalem: Jerusalem Press. S. 23) aufgenommen. Die Schlußverse des Gedichts lauten: »Darum auch lebten du und ich in einem Schacht / Und doch im Paradiese blumumblattet – / Bis wir erlagen hold versunken schwarzer Niedertracht.« Daß Else Lasker-Schüler mit ihrer Klage: »Ich liege wo am Wegrand übermattet – / Und über mir die finstere, kalte Nacht«, sich gegen die Vertreibung durch die Nationalsozialisten wendet, dürfte unzweifelhaft sein; hingegen dürfte die Frage, ob mit dem in den Schlußversen angesprochenen »Du« Gottfried Benn gemeint ist, kaum schlüssig zu beantworten sein. Benns Eintreten für die Nationalsozialisten unmittelbar nach der Machtübernahme legt eine solche Vermutung allerdings nahe. Benn hatte am 24. April 1933 in einem Rundfunkvortrag mit dem Titel »Der neue Staat und die Intellektuellen« zunächst dezidiert Partei für die nationalsozialistischen Machthaber ergriffen und dann Ende Mai in seiner Rede »Antwort an die literarischen Emigranten« den exilierten Schriftstellern das moralische Recht abgesprochen, zu den Vorgängen in Deutschland Stellung zu nehmen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam Benn selbst noch einmal auf Else Lasker-Schülers Gedicht »Höre!« zu sprechen: in seiner berühmten und gleichzeitig umstrittenen Rede »Erinnerungen an Else Lasker-Schüler«, die er am 23. Februar 1952 im Berliner »British Centre« auf einer Gedenkfeier zum siebten Todestag der Dichterin gehalten hat und die einen Tag später im Berliner »Tagesspiegel« erschienen ist. Die Schlußverse des Gedichts: »Fühlst du mein Lebtum / Überall / Wie ferner Saum?« kommentiert Benn, das Schicksal der Juden nach der nationalsozialistischen Machtübernahme offenbar verdrängend, mit den Worten: »Dieses Lebtum als fernen Saum habe ich immer gefühlt, alle Jahre, bei aller Verschiedenheit der Lebenswege und Lebensirrungen.«

Karl Jürgen Skrodzki, Juni 1999.