Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Ich erzähle etwas von Palästina

Diesmal brachte mich der charmante und galante italienische Dampfer »Galiläa« nach Palästina und sein Bruder, das mächtige Großschiff: Gerusalemme, zum zweiten Male in die Schweiz zurück in mein Adoptivland. Als wir damals am Abend am Ziel unserer Hinreise in Haifa landeten, staunte ich, wie groß und funkelnd die morgenländische Hafenstadt in den 2 ½ Jahren meiner Abwesenheit geworden; sie kann sich sehen lassen, die einen so strahlend anblickt. Aber ich sehne mich nach Jerusalem – wie der nette verehrte Commandante gentlissimo unserer Galiläa richtig vermutete. Und nach den üblichen Formalitäten stieg ich sofort in den Autoomnibus, der mich in die Lieblingsstadt Gottes brachte.

Immer über den gelben Sandteppich der Wüste; manchmal durch die Straßen kleiner arabischer Städte und Dörfer rollte unser Wagen bergab, um wieder an einem Palmenhain vorbei, empor nach Jerusalem zu fahren.

Man glaubt sich auf dem fernsten Stern, einem Schleppstern der Mondsichel, die gleitet wagerecht, ein grandioser goldener Nachen durch das weite Wolkenmeer am Strand des Horizonts entlang. Nach der Reise ins Heilige Land gibt es doch nur noch eine einzige Reise: Die Himmelfahrt.

Weil man das höchste irdische Ziel erreichte zu Land und zur See: Jerusalem. Von dort geht es nicht weiter, von dort führt der direkte Weg in die Himmel.

Die hebräischen schlichten Mönche glauben unerschütterlich an die Himmel. Sie lächeln bescheiden, fragt man sie, wo die Himmel liegen. In welcher Himmelsrichtung? Und – »Breitengrad«? meint wohlwollend ein Ueberklügelter. Doch die demütigen Gottesjünger überhören schweigend die Hoffart. Sie möchten Adonaj und Seinen Engeln nicht zuvorkommen.

Ohne des Todestalers verlustig, üblichen Zoll, kommt keine Seele durch den unsichtbaren Tunnel des geheimnisvollen Viadukts ins Paradies zu Gott heim.

»Ist Palästina schön?« Und fragt man mich auch abermals und immer noch einmal, ob Palästina und seine Hauptstadt Jerusalem schön? So bin ich, selbst im Interesse des Landes, zu ehrlich zu antworten, Palästina ist schön. Palästina ist Gestein, Schöpfungsgestein, der kostbarste Edelstein des Herrn. Er trug ihn vor der Offenbarung der Welt an Seiner Hand.

In meinen frühsten Gedichten steht:

Ich möchte einmal Gottes Hand fassen

Und Jerusalem an Seinem Finger sehen ....

Palästina ist Gestein. Zwischen Gestein und Gestein wuchsen Gegenden, schlängelten sich Landstreifen bis ans Meer. Es ragten Höhen empor und stürzten kratergrausig sich auf Täler und höhlten sie aus. Auf ihren wiesigen Abhängen weidet das Lamm.

Ein methodisches Chaos denke man sich Palästina, arbeitsam und von der Sonne verklärt. Auf die sandfarbene Leinwand im Rahmen der Berge Judas und Moabs und Gilboas malt die sonnige Goldmalerin, auf der Himmelsleiter sitzend, ihre zauberischen Träume. Viele mit lila Hintergründen, etliche orangengelb und zitronengelb. Setzt plötzlich eine Flamme aus heißgepaarten Farben, einen Akzent auf das – Weltporträt der Heiligen roten Erde.

Auf der Fahrt zum Toten Meer begegnen uns Reisenden bunte Wanderer, aus der Bibelzeit noch übrig. Ihrem Wandel entströmt Gläubigkeit und Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie schreiten nicht weit vor unserem Omnibus, geruhsam den Weg inmitten der Wüste entlang und die tauben schnellen Räder unseres Wagens erreichen die Pilger doch nicht. Auf einmal sehe ich sie verschwinden, wie über Stufen hinabgleiten ins Innere der Welt. Unser schweres Auto fährt gedankenlos über ihren frommen Wandel hinweg. Diesen unerklärlichen Vorgang erlebten nur ich und meine kleine Freundin Trudmiriam, denn die Menschen auf ihren Sitzen schlummerten den 60-Grad-Hitzeschlaf.

Kamele, geschmückte mit lauter Perlen, vielartige Talismane, die sie vorm Verunglücken schützen sollen, begegnen uns. Es ist ganz still im Wagenraum, man hätte ein Sandkorn fallen hören, eine Muschel sicherlich. Jäh erwacht das niedliche Töchterchen auf dem Schoße ihres Papas, eines Juden aus Bagdad. Bestürmt ihn auf Hebräisch, ob es auch nicht zur Salzsäule werde an Loths Meer? Es wolle lieber nicht an den Strand gehen. Wir befinden uns noch in offenen, ewigen Wüsten, aber wittern in der Ferne Orangenwälder. Schon grünt ein Emek zu unserer Rechten. Der hebräische Bauer ist der Fürst des Landes.

Am späten Abend im liebevollen und geschmackvollen Gasthaus »Vienna« mußte ich noch Gästen vom Toten Meer erzählen. Die nicht mitwollten des jähen geographischen Luftwechsels wegen, sich erst in der Heiligen Stadt zu akklimatisieren gedachten.

Das Tote Meer liegt ungefähr 200 Meter unter dem Meeresspiegel. Nun rechne man dazu die 800 Meter, die man noch von Jerusalem bis ins Tal zu gelangen auszuatmen gezwungen. Mancher Körper leidet unter dem Blutdruck. Ich spürte nichts, erfüllt voll Erwartung.

In unserer Schulbibel erreichte ich als Kind schon einmal das gewaltige Tote Urmeer-Eiland; allerdings auf einer der kleinen gelblichen Seiten zwischen Religionsgeschichten gezeichnet. Auch ich suchte auf dem naiven Bildchen wie die kleine Dora im Autoomnibus nach der salzkandierten Säule, nach der ungehorsamen Frau Loths. Ich schilderte meinen Zuhörern, wie ich und meine junge Freundin am Toten Meeresstrand angelangt, die zierliche Bagdaneserin schließlich tauchen sahen in den warmen Wellen; doch von seinen Oelen getragen das schmale olivfarbene Körperchen immer wieder sachte emporstieg.

Das Tote Meer ist eigentlich ein großer See, gewürzt mit Mineralien: Salz, Brom, aber auch mit Schwefel und Oel. Man kann sich beide Hände voll Salz mit nach Hause nehmen. Allerdings noch ungereinigtes, ungenießbares.

Die fleißigen hebräischen Arbeiter bauten Salzwerke; die stehen, Schutzpatrone, vor dem biblischen Gewässer. Das Tote Meer ist in Wirklichkeit ein See, aber sein Charakter ozeanisch. Die Berge Moabs bewachen das geölte majestätische Wasser. Von der Hausterrasse eines großen Dichters in Talpioth erblickte ich zum ersten Male die kuppelförmigen Höhen und schmal entlang den Toten Meeressee. Es ließe sich wohl reiten auf diesen Dromedarbuckeln, meinte ich ernsthaft, zur Freude des Adon und seiner Frau. Es war noch frühster Morgen, die Sonne hatte sich zum ersten Male verschlafen. Die herrlichen Berge noch in ihrer Naturfarbe, braunfaserig und grau wie das Fell an enthäuteten Stellen der lieben stolzen Wüstentiere.

Die moabitischen Berge erschienen mir nun aus der Nähe erschaut um den ozeanischen Salzsee, gereckter, sich zur Wehr setzend geneigter. So weit dehnte sich der Strand! Wie mag einem Schiffbrüchigen wohl zumute gewesen sein vor tausend Jahren!

Wir suchten uns in unseren Tüchern Muscheln. Ich mir solche, welche mir einzig in ihrer Farbe erschienen. Aber immer, wenn ich neugesammelte zu den schon gesammelten zu legen gedachte, waren die vorangesammelten wie durch eine Oeffnung verschwunden. »Das Tuch ist ganz!« sage ich zu Trudmiriam, die eine von den »kostbarsten« … betonte sie lächelnd, wiederfand. Müde setzten wir uns auf den Rand eines morschen Bootes; zogen uns nach kleiner Rast Schuhe und Strümpfe aus und sprangen in die erste Welle, die uns entgegensprudelte. Und immer tiefer in die heilige Flut, bis unsere Füße überzogen mit dem Produkt des Toten Meeres, ganz weiß waren und krustig. Und Durst verspürten wir mächtig; träumten schon von den Apfelsinensäften und dem Grapefruchtwein in der einladenden Halle vor der Düne, in der wir dann unser salziges Fußbad süß begossen.

Von der Lieblingsstadt Gottes, Jerusalem, verriet ich schon so viel in meinem Buch: »Das Hebräerland« und zeigte es auch auf meinen Illustrationen dem Leser. Ich könnte es nur wiederholen in Wort und Bildern, mein Gebet an die Heiligste Stadt.

Von Haifa aus erreicht man in ein und einer halben Stunde: Tiberias. Die biblische Stadt hat sich nicht eine Spur verändert, nicht die unleserlichste Fußspur verstreut. Dieselben Fischer fischten am Genezarethsee wie zu Zeiten des Neuen Testaments und werfen ihre Netze aus. Auch Philippus glaubte ich unter ihnen zu erkennen.

In glühendbemalten Segelbooten sitzen nackte Araberjungen; sie necken die kleinen Fische im Wasser. Ich hätte Lust, in den buntverklärten See zu springen – aber der Araber würde einer Frau solche Frivolität nicht so leicht verzeihen. »In Sänften« trägt man die Frauen des Harems verschleiert zum Strand, zum Frauenstrande. In den Bibelzeiten zählte Tiberias zu den allerersten Badeorten des Morgenlandes. Hin eilten die Kranken des Landes, zu gesunden in den heilenden heißen Quellen.

Wir steigen aufwärts vom Ufer des Genezarethsees, dem See von Tiberias; kommen an Bazaren vorbei; sie liegen im Halbkreis der Straße. Friede: »Schalom« wünschen uns die Händler, wir ihnen zurück: »Schalom«. Aber gleich freundlich von Herzen kommend. Denn im Grunde herrscht von zu Haus aus keine Feindschaft.

Ich erstehe eine liebliche Glaskette; fünfmal paßt sie bequem um meinen Hals. Ihr durchsichtiges Herzchen lasse ich über meinen Handrücken hin- und hergleiten … ja, das einfache glitzerne Herz Tiberias in Miniatur. Die Händler beteuern zwar, es sei aus langersehnten Regentropfen im späten Herbst in der Regenzeit entstanden.

Auf meinen ersten Bildern in der Kindheit zeichnete ich dieselben Paläste und glänzende Häuser Schwarzachat und tönte sie mit lila Stiften an den Seiten oder unter einem besonderen Bogenfenster wie von einem lila Mond beschienen. Hold spielte die Phantasie und parallel der meinen – der Baumeister der phantastischen Stadt.

»Noch ein paar Grad heißer«, scherzt mein Begleiter neben mir, »und wir beide sind gar, reif für den Sonnenstich.« Auch harrt der Autoomnibus auf uns schon eine Zeitlang, und wir machen größere Schritte, aber mein Gemüt träumt wie der zurückgelassene magische See. Wir fahren durch die schönste Palmenallee, die uns vor einigen Stunden ins Innere von Tiberias führte, und es dauerte nicht lange und es war wieder Wüste. Jericho grüßte uns, und ich sah gerade vorher durch des Doktors Fernglas den Jordan fließen. Immer Wüste vor und hinter uns … sanft empfand ich sie, eine Mutter. Sie wickelte einen jeden und eine jede von uns im Wagenraume in eine Kamelhaardecke. Aber ich tat nur so, als ob ich schliefe, noch einmal Nazareth zu schauen. Gegenwärtig bewunderte ich schweigend die blühenden Kolonien unserer Chaluzim. Sie erinnerten mich an die dicke Apfelsine in meiner Kleidertasche, trotzdem sie mich schon lange inkommodierte. Und ich befreite sie aus ihrem viel zu engen Verlies und trank den kleinen Jakobbrunnen willkommend aus.

Der jüdische Bauer ist wahrlich der Fürst im Heiligen Lande, ein Knecht Gottes. Er überläßt ihm die heilige steinige Flur.

Ich schrieb an den Großbauer von Tel Joseph:

Lieber Nehemia Cymbalist! (Ich kopierte den Inhalt aus meinem Notizbuch später auf einen weiten Bogen.) Verarge mir nicht mein Dir gegebenes und nicht gehaltenes Wort, Dich zu besuchen in Deiner Kolonie: Tel-Joseph. Ich bin übersättigt und erschöpft wie eine Biene, die zu viel Honig naschte aus dem Silberkelch der Königin der Nacht. Trunken bin ich, eine flatternde schwankende Geiertaube von Narden der Engelslüfte, die die Heilige Stadt umsüßen. Aber ich kehre heim zum dritten Male, zum dreißigsten Male zurück in unsere ureigenste Heimat, sie zu umspielen wie die Welle, sie möchte auch lieber heim in ihren Ozean und nicht zergehen sterbend im Sande.

Ich hatte mir Nazareth ganz anders vorgestellt – ähnlich wie Bethlehem, das noch kleinere Bethlehem, das ich so oft als Kind schaute in der Schulaula unter dem großen Tannenbaum; das heilige Städtchen aus der Spielschachtel auf dem Moos am Fuße der geschmückten Tanne. Aber nun weiß ich, die breite Freitreppe fehlte immer, die das alte verbrämte Städtchen mit dem alten verbrämten Städtchen eine sich erhebende Stufenbrücke verbindet. Darauf die ärmsten Kinderlein sitzen und aramäische Volksliedchen singen; ihre aus Fetzen und Lumpen fabrizierten Puppen zärtlich einlullen.

Nazareth ist keine kleine Stadt, auch keine zerfallene. Auf ihren Hügeln stehen guterhaltene villenartige Häuser, auch neuerrichtete Bauten, und an den Hecken der Gärten wiegen sich weiche weiße Winden. Gern wäre ich zu Fuß durch Nazareth gegangen und mein guter Begleiter tröstete mich: »Wenn wieder Frieden herrscht.«

Ich gucke noch immer aus dem Wagenfenster; Nazareth längst der Wüste und ihrer säumenden Einfalt überlassend. Ich entdecke Farben, die ich noch nie gesehen, sie bekleiden die heiligen Berge. Wie selig ein Land, das diese Leuchten tragen darf.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky. Frankfurt am Main 2001. S. 294–300.

Else Lasker-Schüler war im Frühjahr 1934 und erneut im Sommer 1937 von der Schweiz aus nach Palästina gereist. Über ihre erste Reise berichtet die Dichterin in ihrem 1937 erschienenen Buch »Das Hebräerland«. Die kleine Prosaschrift »Ich erzähle etwas von Palästina«, in der Else Lasker-Schüler einige Eindrücke ihrer Reise vom Sommer 1937 schildert, veröffentlichte die Dichterin zunächst in der »Jüdischen Rundschau« (Berlin) (Jg. 42, Nr. 88 vom 5. November 1937. S. 10 f.), dann in den »Basler Nachrichten« (Jg. 31, Sonntagsblatt Nr. 52 vom 26. Dezember 1937. S. 207 f.), schließlich in drei Teilen in der »Jüdischen Presszentrale Zürich« (Jg. 21, Nr. 979 vom 18. Februar 1938. S. 12; Nr. 981 vom 4. März 1938. S. 12; Nr. 983 vom 18. März 1938. S. 12).

Else Lasker Schülers »kleine Freundin Trudmiriam«, die Begleiterin auf der Fahrt zum Toten Meer, ist die 1923 geborene Tochter des Architekten- und Malerehepaars Leopold (1890–1954) und Grete Krakauer (1890–1970), das mit der Dichterin eng befreundet war: Grete Krakauer nahm die Totenmaske Else Lasker-Schülers ab, Leopold Krakauer schuf den Grabstein der Dichterin. – Der Dichter, den Else Lasker-Schüler in Talpioth, dem im Südwesten Jerusalems (Richtung Bethlehem und Hebron) gelegenen Villenviertel, besuchte, war der spätere Nobelpreisträger Samuel Josef Agnon (Czaczkes) (1888–1970). – Gegen Ende ihres kurzen Reiseberichts erwähnt Else Lasker-Schüler noch den Archäologen Nehemia Cymbalist (Zori) (1902–1991): Er war 1927 von Litauen nach Palästina eingewandert und lebte dort bis zu seinem Tod im Kibbuz Tel-Joseph, im galiläischen Tal Jesre’el gelegen. Zori hielt sich in den dreißiger Jahren wiederholt in Europa auf und hatte Verbindungen zu Künstlern und Intellektuellen in Ascona, wo Else Lasker-Schüler ihn 1936 kennengelernt hatte.

Karl Jürgen Skrodzki, April 2002.