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Else Lasker-Schüler: Weltflucht

Aktualisiert: 19. April 2021

* * *

Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose

Zu mir zurück,

Schon blüht die Herbstzeitlose

Meiner Seele,

Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!

O, ich sterbe unter Euch!

Da Ihr mich erstickt mit Euch.

Fäden möchte ich um mich ziehn –

Wirrwarr endend!

Beirrend,

Euch verwirrend,

Um zu entfliehn

Meinwärts!

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 37. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011, 2013 und 2019). S. 11 und 368.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte »Weltflucht« zuerst 1902 in »Styx«, der ersten Buchausgabe ihrer Gedichte, die der Berliner Verleger Axel Juncker herausbrachte. Herwarth Walden, der zweite Mann Else Lasker-Schülers, vertonte das Gedicht: Text und Noten erschienen am 27. Oktober 1910 in der von ihm gegründeten Zeitschrift »Der Sturm« (Jg. 1, Nr. 35. S. 278), dem zentralen Forum der modernen Kunstbewegung. In den beiden Ausgaben der »Gesammelten Gedichte« von 1919 und 1920 druckte Else Lasker-Schüler das Gedicht mit der Widmung »Herwarth Walden, dem Tondichter des Liedes« ab (ihre Ehe mit Herwarth Walden war am 1. November 1912 geschieden worden).

1925 erschien von Else Lasker-Schüler die Streitschrift »Ich räume auf!«, in der sie mit dem Geschäftsgebaren ihrer Verleger abrechnete, von denen die Dichterin sich übervorteilt fühlte. Als einzigen lyrischen Text nahm sie in ihre »Broschüre« das Gedicht »Weltflucht« auf und druckte es mit folgender Vorbemerkung ab: »Ich räume auf, für mich, für meine dichtenden Freunde, für die lebenden und toten Dichter, zunächst im Interesse der Dichtung. Die Gedichte meines ersten Buches: Styx, das im Verlag Axel Juncker erschien, dichtete ich zwischen 15 und 17 Jahren. Ich hatte damals meine Ursprache wiedergefunden, noch aus der Zeit Sauls, des Königlichen Wildjuden herstammend. Ich verstehe sie heute noch zu sprechen, die Sprache, die ich wahrscheinlich im Traume einatmete. Sie dürfte Sie interessieren zu hören. Mein Gedicht Weltflucht dichtete ich u. a. in diesem mystischen Asiatisch.« In der Dichterin »mystischen Asiatisch« lautet der Text: »Elbanaff: // Min salihihi wali kinahu / Rahi hatiman / fi is bahi lahu fassun – / Min hagas assama anadir, / Wakan liachad abtal, / Latina almu lijádina binassre. / Wa min tab ihi / Anahu jatelahu / Wanu bilahum. / Assama ja saruh / fi es supi bila uni / El fidda alba hire / Wa wisuri – elbanaff!« – Saul war der erste von Samuel zum König gesalbte Heerführer des Volkes Israel, die »wilden Juden« stehen für das biblische heroische Judentum. Der »Bund der wilden Juden« und die »jüdischen Häuptlinge« bilden einen Topos, den Else Lasker-Schüler auch zeichnerisch dargestellt hat.

»Elbanaff« ist nicht der einzige Versuch Else Lasker-Schülers, in einer »mystischen« Sprache zu dichten. Ihr Gedicht »Maria«, zuerst am 29. Dezember 1910 im »Sturm« (Jg. 1, Nr. 44. S. 349) erschienen, druckte die Dichterin 1914 in »Der Prinz von Theben« als »wundersüßes Liedchen auf altnazarenisch-hebräisch«, 1937 in »Das Hebräerland« als »ein klein altaramäisches Kinderliedchen« ab. Der Text in »Der Prinz von Theben« lautet: »Abba ta Marjam / Abba min Salihï. // Gad mâra aleijâ / Assâma anadir – / Binassre wa wa. // Lala, Marjam / Schû gabinahû, / Melêchim hadû-ja. // Lahû Marjam / alkahane fi sijab.« Und in ›deutscher Übersetzung‹: »Träume, säume, Marienmädchen – / Überall löscht der Rosenwind / Die schwarzen Sterne aus. // Wiege im Arme dein Seelchen. // Alle Kinder kommen auf Lämmern / Zottehotte geritten / Gottlingchen sehen – // Und die vielen Schimmerblumen / An den Hecken – / Und den großen Himmel da / Im kurzen Blaukleide!«

»Weltflucht« gehört zu den eher unbekannten Gedichten Else Lasker-Schülers. Anders als viele ihrer Gedichte wurde »Weltflucht« zu Lebzeiten der Dichterin nicht in eine Anthologie oder eine Zeitschrift aufgenommen. Abgedruckt ist das Gedicht lediglich in den von Else Lasker-Schüler selbst besorgten Ausgaben ihrer Werke. »Weltflucht« zitierend, schreibt Paul Zech 1913 über die in »Styx« veröffentlichten Gedichte: Es sind »Gedichte, denen noch ganz und gar jenes Fragmentarische anhaftet, das der revolutionären Ausstoßung zufolge noch nicht auf die endgültige Formulierung gespannt ist. Es ist ein Zwiespalt darin, der sich austobt im Fangballspiel mit kosmischen Ahnungen und irdischer Schwere, vererbtem Besitztum und erflehter Zukunft.« (Paul Zech: Else Lasker-Schüler. Eine Einführung in ihr dichterisches Werk. In: Berliner Tageblatt. Jg. 42, Nr. 73 [Montags-Ausgabe] und 86 [Montags-Ausgabe] vom 10. und 17. Februar 1913, Beiblatt: Der Zeitgeist Nr. 6 und 7.) Unmittelbar unter dem Eindruck der ersten Buchveröffentlichung Else Lasker-Schülers urteilte Samuel Lublinski 1904 in seiner literaturkritischen Schrift »Die Bilanz der Moderne« (Berlin) über die lyrische Schaffenskraft der Dichterin wie folgt (als Beleg führt Lublinski die beiden Gedichte »Weltflucht« und »Mutter« aus »Styx« an): »Fast wie gewisse idealistische Jünglingsnaturen empfindet sie die bange Wahl zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden, und sie hat Angst vor der Sinnlichkeit, die ihr wie ein unheimliches Fabeltier erscheint, vor dem sie flüchtet und dem sie verfällt. Das verwächst mit ihrem Angst- und Ohnmachtsgefühl gegenüber der Unendlichkeit zu einer Einheit, und nicht immer gelingt es ihr, das wogende Chaos zur Form zu zwingen. Ihre besondere Note erlangt sie, wenn sie zeitweilig alle Ängste von sich abschüttelt und ihre Sehnsucht und die Erfüllung dieser Sehnsucht in überirdisch zarten Traumvisionen ausspricht und vorwegnimmt. In solchen Augenblicken hat sie ein paar Gedichte geschaffen, die in bedeutender Weise die moderne Lyrik bereichern.« (S. 167 f.)