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Kurt Pinthus: Else Lasker-Schüler klagt an!
Die bislang gegenwartsentrückte, in den Gefilden der Herzensphantasie, exotischer Länder und des Kosmos umherschweifende Dichterin hat jetzt freiwillig und bewußt auf ihre poetische Arbeit verzichtet: sie tritt öffentlich als Ankläger gegen ihre Verleger auf.
Zwei Jahrzehnte lang von verlegerischen Enttäuschungen umhergepeitscht, immer wieder auf den Triumph ihrer Gesänge und Erzählungen hoffend, immer wieder in Not zurückgeworfen, steht sie nun (in der »Tribüne«) auf der Tribüne und schmettert flammenden Auges, schwarze Locken schüttelnd, mit einer Stimme, die bald singt, bald höhnt, ihre apokalyptischen Anklagen wie eine alttestamentarische Prophetin in die verrottete Zeit. Mit ekstatischer Leidenschaft, mit wilden Beschimpfungen, mit drolligen Schelmereien beutelt sie, ohne Rücksicht auf ihre Zukunft, die geschäftliche Robustheit der Verschleißer geistiger Ware, denen sie nicht gewachsen war. Immer aber breitet sie ihr persönliches Mißgeschick ins Allgemeine aus: gibt eine grausige Kritik einer Zeit, in der wertbeständige Substanz alles, der Mensch nichts gilt ... ein trostloses Bild von der Hilflosigkeit des geistigen Menschen.
Es ist hier nicht zu rechten, ob sie recht hat mit den niederschmetternden J’accuse gegen die Grausamkeit eines ganzen Standes. Aber auch wer vermeint, daß manches ihrer Erlebnisse durch ihre Phantasie albdruckhaft zum Schwellen gebracht ist, muß fühlen, daß hier eins der herrlichsten Herzen unserer Tage, mißhandelt, aus wirklicher Qual laut aufschreit; muß hingerissen sein von dem fulminanten Pathos, von der grellen Schärfe, die sich zur Posaune der Gerechtigkeit einigen; wird sich fragen: was muß diese Frau gelitten haben, die, bisher still verborgen der Heiligkeit ihres Berufs lebend, nunmehr diesen geliebten heiligen Beruf aufgibt, um als einzelnes Weib öffentlich anzukämpfen gegen die Übermächtigkeit ihrer Gegner, die zum Sinnbild unserer Epoche werden.
Hat sie wirklich, wiewohl sie ankündigt, nur noch Anklägerin, Aufruferin sein zu wollen, ganz und gar ihr dichterisches Werk vergessen? Sie ist so sehr Dichterin, daß sie niemals vermag, es nicht mehr zu sein. Aus ihrer Anklage schweift sie immer wieder in persönliche Erinnerungen, und was sie da aus ihrer Kindheit erzählt, von ihren Vorfahren, von ihrer Knopfsammlung, ihrem Vagabundenleben, ihren ersten Dichtungsoffenbarungen, ja sogar, wie sie ihre schmerzlichen Verlegererlebnisse umformt, – das ist ebensosehr Dichtung wie ihre schönsten Gedichte. Jeder, der ihr zuhört, wird sich bewußt sein, daß hier einer der wenigen Menschen steht, in denen der göttliche Funke noch lebt, wird überzeugt sein, daß es auch heute noch diese menschlichen Kuriositäten gibt, die seit jeher bei allen Völkern »Dichter« genannt wurden. Else Lasker-Schüler, Schöpferin mancher Gedichte, die verdienen, unsterblich zu werden, sei hiermit gebeten, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Sie wird damit ihre Gegner siegreicher schlagen als mit gesprochener Rede, und Ohr und Herz der Menschen erobern, die ihrer wert sind.
Aus: 8-Uhr-Abendblatt (Berlin). Jg. 77, Nr. 23 vom 28. Januar 1924. – Else Lasker-Schüler hatte am 20. Januar ihre Streitschrift »Ich räume auf!«, die ein Jahr später als Buch erschien, im Berliner Theater »Die Tribüne« vollständig vorgelesen.
Der Theater-, Literatur- und Filmkritiker Kurt Pinthus (1886-1975) war zunächst Lektor beim Kurt Wolff Verlag in Leipzig, später beim Verlag Ernst Rowohlt in Berlin. Bei Rowohlt erschien 1920 die von Pinthus herausgegebene Anthologie »Menschheitsdämmerung«, die wohl bedeutendste Sammlung expressionistischer Lyrik. In den Jahren 1920-1922 arbeitete Pinthus als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. 1938 emigrierte er in die USA und ließ sich 1967 – im Anschluß an mehrere Europareisen – wieder in Deutschland nieder. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Marbach am Neckar: Dem Deutschen Literaturarchiv (http://www.dla-marbach.de) schenkte Pinthus seine Bibliothek und seinen Nachlaß.