Karl Jürgen Skrodzki

Homepage

Inhalt

 Inhalt ausblenden!

 Druckversion

Copyright © 2003–2016

Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Jerusalem

Jerusalem

Gott baute aus Seinem Rückgrat: Palästina

aus einem einzigen Knochen: Jerusalem.

Ich wandele wie durch Mausoleen –

Versteint ist unsere Heilige Stadt.

Es ruhen Steine in den Betten ihrer toten Seen

Statt Wasserseiden, die da spielten: kommen und vergehen.

Es starren Gründe hart den Wanderer an –

Und er versinkt in ihre starren Nächte.

Ich habe Angst, die ich nicht überwältigen kann.

Wenn du doch kämest .....

Im lichten Alpenmantel eingehüllt –

Und meines Tages Dämmerstunde nähmest –

Mein Arm umrahmte dich, ein hilfreich Heiligenbild.

Wie einst wenn ich im Dunkel meines Herzens litt –

Da deine Augen beide: blaue Wolken.

Sie nahmen mich aus meinem Trübsinn mit.

Wenn du doch kämest –

In das Land der Ahnen –

Du würdest wie ein Kindlein mich ermahnen:

Jerusalem – erfahre Auferstehen!

Es grüssen uns

Des »Einzigen Gotts« lebendige Fahnen,

Grünende Hände, die des Lebens Odem säen.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 375. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 185 f.

Else Lasker-Schüler, die 1934 und 1937 zweimal Palästina bereist hatte, war im März 1939 endgültig von Zürich nach Jerusalem gezogen und hat vermutlich ihr gleichnamiges Gedicht unmittelbar in den Monaten danach niedergeschrieben. Es erschien dann in Jerusalem im Juni 1943 – eineinhalb Jahre vor dem Tod der Dichterin – in »Mein blaues Klavier. Neue Gedichte«, der letzten Veröffentlichung Else Lasker-Schülers. »Mein blaues Klavier« enthält zweiunddreißig Gedichte, die fast ausschließlich in den dreißiger und vierziger Jahren entstanden sind, und einen kurzen, »An mich« betitelten Prosatext, der den Schluß des Buches bildet.

Als literarisches Motiv findet Jerusalem in der Lyrik Else Lasker-Schülers schon früh Verwendung. In dem im Juni 1901 in der Zeitschrift »Ost und West« erschienenen Gedicht »Das Lied des Gesalbten« (Jg. 1, Heft 6. S. 457/8) heißt es: »Verschwenden sollst Du mit Liebe! / Und mit schmelzendem Jubel meine Feste umgolden / Und die Schwermut, die über Jerusalem trübt, / Mit singenden Blütendolden umkeimen.« Es ist vor allem das Bild der ›fernen Stadt‹, das den Gebrauch des Motivs charakterisiert. Ohne Nennung des Namens schreibt Else Lasker-Schüler in dem Gedicht »Vollmond«, das am 24. März 1905 in der Zeitschrift »Kampf« (Neue Folge. Nr. 23. S. 675) erschien, über Jerusalem: »Wo bist Du ferne Stadt / Mit den segnenden Düften ..... / Immer senken sich meine Lider / Ueber die Welt / Alles schläft ....« Das Gedicht »Gebet«, das die Dichterin am 24. Dezember 1916 in der »Frankfurter Zeitung« (Jg. 61, Nr. 356 [Erstes Morgenblatt]. S. 7) veröffentlichte, beginnt mit den Versen: »Ich suche allerlanden eine Stadt, / Die einen Engel vor der Pforte hat.«

Das Bild des ›einzigen Knochens‹, aus dem die ›heilige Stadt‹, die ›Stadt Gottes‹, wie Jerusalem an zahlreichen Stellen des Alten Testaments genannt wird, erbaut sei, erinnert an die biblische Schöpfungsgeschichte, an den Bericht von der Erschaffung Evas aus einer Rippe Adams: »Gott, der Herr, baute aus einer Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu« (Genesis 2,22). Dieses Bild hat für die Dichterin nicht nur symbolische Bedeutung, vielmehr spiegelt sich in ihm unmittelbar sinnlich die Topographie der Stadt. 1937 schreibt Else Lasker-Schüler in »Das Hebräerland«: »Ich ging so säumend vor mich hin über den starken uralten Knochen der Hauptstraße Jerusalems, über seine Wirbelsäule balancierend. Wie Rippen zweigen sich die Gassen der ältesten Synagogen vom Rückenstamme rechts und linkerseits.« – Im ›modernen‹ Jerusalem, das die Dichterin wandernd erkundet, wird die biblische Vergangenheit der Stadt unmittelbar gegenwärtig. In der ersten Strophe heißt es: »Versteint ist unsere Heilige Stadt. / Es ruhen Steine in den Betten ihrer toten Seen«. Der zweite Vers dürfte sich auf das wasserlose Kidrontal beziehen, das Jerusalem nach Osten hin begrenzt und einen tiefen Einschnitt zwischen dem Tempelberg und dem Ölberg bildet. Der Tempelberg fiel einst steil zum Kidrontal ab, dessen Sohle jetzt mit einer bis zu 11,6 m hohen Schuttschicht angefüllt ist. Im Kidrontal entspringt die Gihonquelle, die einzige Quelle Jerusalems; sie diente bereits im Altertum der Versorgung der Stadt.

Das Gedicht lebt vom Spannungsverhältnis, in dem Vergangenheit und Zukunft zueinander stehen. Das Bild vom biblischen Ursprung Jerusalems am Anfang des Gedichts steht im Kontrast zum Bild vom Aufbau Palästinas als (neuer) Heimstatt des jüdischen Volkes am Schluß: Die ›grünenden Hände‹ stehen sinnbildlich für die ›Pioniere‹ in den Kibbuzim, die Palästina für das jüdische Volk nach fast 2000 Jahren wieder erschließen und mit »des Lebens Odem« erfüllen. Die ›Pioniere‹ sind ›Schöpfer‹, ihre Arbeit vergleicht Else Lasker-Schüler mit dem Werk Gottes: »Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen« (Genesis 2,7).

Zwischen Vergangenheit und Zukunft steht die Erfahrung des Exils, das Leben in der Diaspora, das die Geschichte des jüdischen Volkes geprägt hat. Vom Exil berichtet Else Lasker-Schüler in den beiden mittleren Strophen des Gedichts: allerdings nicht geschichtsphilosophisch reflektierend, sondern lyrisch die Erinnerung an ihr Leben im Schweizer Exil wachrufend. Mit dem Mann im »lichten Alpenmantel« dürfte der junge Berner Rechtsanwalt Emil Raas (1910–1993) gemeint sein, der zu den großen Bewunderern Else Lasker-Schülers gehörte. Die Dichterin hatte Raas im November 1933, als dieser noch Student war, anläßlich einer Lesung in Bern kennengelernt. Während eines gemeinsamen Spaziergangs durch Bern freundete sie sich mit Raas an und schrieb ihm in den folgenden Jahren mehr als 200 Briefe. Nach dem juristischen Examen vertrat Raas Else Lasker-Schüler auch als Rechtsbeistand gegenüber den Schweizer Behörden.

Vier Momente hat Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht »Jerusalem« miteinander verwoben: zum einen die biblische Schöpfungsgeschichte und die Geschichte des jüdischen Volkes und zum anderen die individuelle Erfahrung des Exils und das unmittelbar sinnliche Erlebnis der Stadt Jerusalem. Vor allem die assoziative Verflechtung dieser Momente dürfte viele Leser befremden, für die sich das Gedicht als sperrig – seine Gestalt als nicht unmittelbar nachvollziehbar – erweist. Umgekehrt macht vielleicht gerade die Sperrigkeit dieses Gedichts wie auch zahlreicher anderer Gedichte Else Lasker-Schülers den Reiz ihrer Lyrik aus.

Karl Jürgen Skrodzki, Februar 2000.