Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Abraham Stenzel

Abraham Stenzel

Als Abraham ganz jung war,

Nannte Gott ihn: Hamid.

Ich weiß es noch, denn erst viertausend

Und ein Schaltjahr ist es her.

Ich hing zwar noch am Baum

Im Schatten einer Cocospalme.

Mein Spielgefährte Abraham Stenzel

Gährte mit dem Mark im Stamm.

Begraben sind die Bibeljahre längst –

Wir beide tragen nur noch sehnsüchtig den Flor

Um unsern blauen Hut,

Der demütig die Stirn vor Gott bedeckt.

Der Hamid ist der Dichter des Jargons

Des Ghettoplatts.

Wenn er es spricht, hilflos und rührend,

Pocht an mein Herz das Jugendvolkslied

Er ist ein inniger innerlicher Dichter

Und seine Unverfälschtheit macht ihn liebenswert.

Wenn wir nach Mitternacht

Im Winter vom Romanischen Caféhaus

Zusammen leiernd durch den Schnee

Wie durch die Wüste trabten,

Kopf geneigt – überall Saharah:

Zwei edle Wüstentiere er und ich.

In seinen grünen Jordanaugen

Erinnern Träume sich vom Erzvater?

Und jedem Südenwinde blickt er nach,

Der über seine schwarzen Haare streicht.

Ich liebe seiner schönen Verse Kabala

Sie trägt sein frommes Angesicht als Medaillon.

* * *

Quelle: Der Drache. Eine ungemütliche sächsische Wochenschrift (Leipzig). Jg. 5, Heft 16 vom 1. Juli 1924. S. 23. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 360 f. – Vgl. Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 413. Der Text der »Kritischen Ausgabe« folgt einem Typoskript aus dem Nachlaß Else Lasker-Schülers, das vermutlich als Vorlage für den Abdruck des Gedichts in »Der Drache« gedient hat.

Der jiddische Dichter Abraham Nochem Stenzel (1897–1983) stammte aus Polen und lebte seit 1921 in Berlin. 1936 emigrierte er nach London, wo er bis zu seinem Tod im jüdischen Stadtviertel Whitechapel wohnte. 1940 gründete er in London die jiddische Zeitschrift »Loschn un Lebn« (»Sprache und Leben«). – Mit Else Lasker-Schüler war Stenzel seit dem Sommer 1922 befreundet. Zum angeblich 50. Geburtstag der Dichterin veröffentlichte er am 9. Februar 1926 in der »Weltbühne« (Jg. 22, Erstes Halbjahr, Nr. 6. S. 221) das Gedicht »Einfalt, erzähl …« mit der Widmung »Meiner ältern Schwester Einfalt Else Lasker-Schüler«. Stenzels ursprünglich auf Jiddisch geschriebenes Gedicht war von Abraham Suhl ins Deutsche übertragen worden. Suhl hatte Gedichte Stenzels durch Übersetzungen bekannt gemacht, die im Leipziger »Drachen« erschienen waren.

In Palästina hat Stenzel sich vermutlich nie aufgehalten. Auf Fiktion dürfte Else Lasker-Schülers Schilderung einer Begegnung mit ihm in Tel Aviv beruhen. In »Das Hebräerland« (1937) schreibt die Dichterin: »Passanten grüßen uns mit dem Gruß des Friedens. ›Schalom!‹ grüßen wir dankend zurück. Es reiten im Galopp jüdische Cowboys auf noch ungebändigten Pferden durch die Allenbeystreet an den Strand, ihre jungen, schnaubenden Tiere zu baden. Ein Hufbreit – und der Rappen hätte Abrahamid Stenzel, den verträumtesten unserer Dichter, auf seiner Bagage, mitten auf dem Damm rastend, zermalmt. Ich war schon froh, daß seine glühende dichterische Ader verschont geblieben. / Wie oft trabten wir im Singsang, zwei – erhabene Kameele, durch die endlosen Straßen der Spreehauptstadt. Die nette Gewerett des Architekten füllte ihm einen Becher mit schäumender Milch, mir reicht sie einen zweiten. Ich bitte aber, bevor ich ihn leere, ums Wort: // So höret, liebe Leute, diese Mordsgeschichte: / Um eines Verses wegen, / Den zu packen hat vergessen / In seine Reisetasche zu dem Essen / Und zu den Kragen er zu legen – / Um eines Verses willen … liebe Leute / (Es handelt sich um eines Dichters Vers!) / Und nicht um leerer Worte Hüllen, / Reist Stenzel wieder nach Europa heute. // ›Bravissimo! Bravissimo! liebe Dichterin!‹ Meine Tischgefährten applaudierten.« Stenzel ist für Else Lasker-Schüler eine ›biblische‹ Gestalt: Mit »heiligen Kinderaugen« betrachte er die biblischen Bücher, die sich ihm unmittelbar erschließen. Ein früher Entwurf zu der zitierten Textstelle aus »Das Hebräerland« lautet: »Am Anfang der Goldgräberstreet bestellen wir uns in einem Restaurationsgarten Thee und Brot und Butter und Honig denn Durst verspüren wir und grossen Hunger. Jüdische Cowboys reiten auf noch halb wilden Schimmeln vorbei wie Schnee so weiss man friert im Anblick ihrer Haut. Drüben geht der Bürgermeister auf der anderen Seite ein Jude und alle die Polizisten Juden. Und die Soldaten Juden und die Spaziergänger alle alle Juden und du und ich und wir und alle am Tisch: Juden! Ganz Palästina ist ja noch immer ein nicht abgeräumter Bauplatz namentlich auf Jerusalems Weiten zwischen Felsblöcken liegt noch von dem Material, das Gott der Herr benutzte zum Bau der Welt. Hast du Angst frage ich Stenz El Abram den starken jiddischen Poeten. Er ist ein Poet! ein reiner Lyriker selbst seine dramatische Prosa schreitet auf lyrischen Füssen wenn auch in Nägelschuhen. Seine Verse versöhnen mich immer wieder mit den mir nicht sympathischen Klängen selbst des rührendsten Jargons. Er zeigt mir und meinen Reisebegleitern die ehrwürdige Photographie seines weissbärtigen Vaters und die seines in jungen Jahren verschiedenen jungen wundergeistlichen Bruders und mit Wehmut füllen sich seine heiligen Kinderaugen. Uns tut es später nach Jerusalem leid, ja wir bereuten es alle drei sogar, ihn in unserer Mitte gar nicht recht zu Wort gekommen zu haben, morgen fuhr er schon wieder nach Europa sein liegengelassenes Gedicht zu holen.« (Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky. Frankfurt am Main 2002. S. 418.)

Der Name »Hamid« leitet sich von dem arabisch-hebräischen Adjektiv »(c)hamud« ab, das »lieblich« bedeutet. Zugleich spielt Else Lasker-Schüler mit den Eingangsversen des Gedichts auf die göttliche Umbenennung »Abrams« in »Abraham« an; 1. Mose (Genesis) 17,3–5 heißt es: »Abram fiel auf sein Gesicht nieder; Gott redete mit ihm und sprach: / Das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. / Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham (Vater der Menge) wirst du heißen; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.« – Das »Medaillon«, von dem im Schlußvers des Gedichts die Rede ist, dürfte sich auf die von kabbalistischen Rabbinern angefertigten Amulette beziehen, denen Geheimkräfte zugesprochen werden.

Karl Jürgen Skrodzki, Juli 2001. Ergänzt November 2011.