Karl Jürgen Skrodzki
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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar
Herbert Fritsche: Lasker-Schüler
Im Studiensaal der Berliner Nationalgalerie (Kronprinzenpalais) liegt eine dicke Mappe Zeichnungen der Dichterin Else Lasker-Schüler aus, die beim Publikum viel Beachtung findet. Es sind größtenteils Bilder, die auch den Büchern Else Lasker-Schülers als Illustrationen beigegeben sind, Porträts ihrer Freunde, Szenen aus ihren orientalischen Erzählungen und Visionen ihres erträumten Kaiserreiches Theben. Was diese Blätter so liebenswert macht und auf das Niveau großer Kunstwerke hebt, ist nicht nur ihre unerhört ursprüngliche Phantastik und ihr temperamentvolles Vibrieren, sondern vor allem ihre kindlichen Traumfarben, die wohl vor Else Lasker-Schüler nur von Gaugin erreicht wurden, allerdings mit wesentlich komplizierteren Mitteln, während Else Lasker-Schüler immer ihrer rührend naiven Ölkreidetechnik treu bleibt. Diese Bilder sind herzgeboren, künstlerisch absichtslos und dennoch von einem heimlichen Pathos, das bei der geringen Größe der Figuren rätselhaft anmutet. Ihr Porträt des »schwarzen Waldfürsten« Dehmel mit Mond und Stern auf der dunklen Stirne ist ein gemalter Beitrag zur Dichtung von unheimlicher Wesensähnlichkeit. Auch Gottfried Benn und Paul Zech hat sie tief erfaßt, indem sie die Antlitze ihrer Dichterfreunde liebevoll mit dem Stift hinspielte, fast unbewußt und tranceumfangen. Die orientalischen Szenen und die Panoramen ihrer Kaiserstadt zeigen diese seltene Kunst der Verspieltheit am eindringlichsten: Hineingeklebte Gestirne aus Konfekt-Stanniol und aufgestreutes Flittergold wiegen die tragische Einsamkeit ihrer zeitfremden Helden hinüber in den liebevollen Wellenschlag versöhnlicher Träume.
Die Berliner Nationalgalerie hat jüngst auch drei Zeichnungen von Paul Lasker-Schüler, dem früh verstorbenen Sohn der großen Dichterin, erworben. Es sind drei Blätter, die nicht gerade zu seinen besten gehören. Ich hatte unlängst Gelegenheit, bei Else Lasker-Schüler einen großen Teil der Werke ihres Sohnes anzusehen, die mich in Erstaunen und Begeisterung versetzten. Die Zeichnungen beginnen schon bei seinem vierten Lebensjahr, sind anfangs von einer unbeholfenen Komik, die fast beabsichtigt wirkt, gehen dann in eine bei der Jugend des Zeichners erstaunlich reife Kunst über und erreichen schließlich das hohe Niveau früh vollendeter Meisterschaft. Der Sohn ist nicht so traumversponnen wie die Mutter, die auch mit dem Farbstift in der Hand stets Dichterin bleibt, er ist kritischer, wacher, graphisch expressiver – aber er bleibt dennoch Künder eines Inhalts, Schöpfer eines Weltbildes, fern von den faden Problemstellungen einer nur artistischen Kunst. Die eindringliche Kraft seiner Begabung ist dem Diesseits gewidmet, er zeichnet Blinde und Hungernde, Lustmörder und Kokotten, alles jedoch mit klopfendem Herzen und den reinen Blicken einer im tiefsten Grunde unschuldigen Jugend. Else Lasker-Schüler ist besorgt und bemüht, den Bildern ihres geliebten und schmerzvoll betrauerten Sohnes zu der Anerkennung zu verhelfen, die ihnen gebührt. Sie sucht nach passenden Räumen für eine Kollektivausstellung. Hoffentlich wird das den Berliner Kunsthändlern und Galeriebesitzern Gelegenheit geben, sich ihrer Verantwortung und Pflicht dem so früh abgebrochenen Lebenswerk dieses Künstlers gegenüber bewußt zu zeigen.
Aus: Das Tagebuch (Berlin). Jg. 12, Heft 49 vom 5. Dezember 1931. S. 1910f.
Die Berliner Nationalgalerie hatte 1920 insgesamt 104 Zeichnungen Else Lasker-Schülers, überwiegend Illustrationen zu ihren Prosaschriften, von Freunden der Dichterin als Geschenk erhalten. Zu den Stiftern gehörte unter anderen ihr Berliner Verleger Paul Cassirer. Die Zeichnungen sind nicht einzeln katalogisiert worden und wurden 1937 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Vgl. Kunst in Deutschland 1905-1937. Die verlorene Sammlung der Nationalgalerie im ehemaligen Kronprinzen-Palais. Dokumentation. Ausgewählt und zusammengestellt von Annegret Janda und Jörn Grabowski (Bilderheft der Staatlichen Museen zu Berlin. Heft 70/72). Berlin (1992). S. 140-144. Aus dem alten Bestand sind heute noch sicher nachweisbar 13 Zeichnungen, die Peter-Klaus Schuster in seiner Dokumentation »Franz Marc – Else Lasker-Schüler« (»Der Blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein Blaues Pferd«. Karten und Briefe. Hg. und kommentiert von Peter-Klaus Schuster. [München 1987.] Tafel 31-43) reproduziert hat. Weitere 10 Zeichnungen wurden 1995 in der Kabinett-Ausstellung »Else Lasker-Schüler« des Schiller-Nationalmuseums Marbach am Neckar gezeigt. Vgl. Else Lasker-Schüler 1869-1945. Bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin (Marbacher Magazin 71/1995), Beilage (Nr. 20-29).
Zeichnung von Paul Lasker-Schüler. Aus: Die Dame. 3. Aprilheft (Heft 16) 1925. S. 2.
Paul Lasker-Schüler (1899-1927), das einzige Kind von Else Lasker-Schüler, bewies schon früh ein großes zeichnerisches Talent. Er besuchte das Landerziehungsheim Schloß Drebkau, die Odenwaldschule und das Landschulheim in Dresden-Hellerau. Ab Herbst 1915 erhielt er zur weiteren Förderung seiner künstlerischen Begabung Privatunterricht in München. Else Lasker-Schülers Hoffnungen, daß Paul eine Anstellung bei einer Zeitschrift, beim Theater oder beim Film finden könnte, erfüllten sich nicht. Im Dezember 1925 erkrankte er in München an Tuberkulose und starb – nach erfolglosen Kuraufenthalten in Schweizer Sanatorien – am 14. Dezember 1927 in Berlin; am 18. Dezember wurde er auf dem jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Pauls Zeichnungen befinden sich im Nachlaß der Mutter in der Jewish National and University Library Jerusalem. Else Lasker-Schüler widmete ihrem Sohn mehrere Gedichte und Bücher. Unmittelbar nach dem Tod Pauls veröffentlichte die Mutter den Nachruf »Mein Sohn« (Berliner Tageblatt. Jg. 56, Nr. 597 [Morgen-Ausgabe] vom 18. Dezember 1927), 1929 erschien von ihr im »Uhu« (Jg. 5, H. 9 vom Juni 1929. S. 73-77) der Beitrag »Mein Junge«.