[155] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Mittwoch, 10. März 1937
Aktualisiert: 18. Februar 2026
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10. III. 37 ½ 1 Uhr
Lieber Mill.
Ich soll doch sprechen – am 19. März sagt Dr. Oprecht. Und schon alles insceniert. Dr. Korrodi will Buch besprechen und 2 Tage vorher wird er vor meinem Abend Zeitung drucken lassen. Für Dr. Oprecht sehr viel wert und für das neue Buch. Dr. O. sehr nett zu mir und er sagt in allen Sprachen soll es übersetzt [2] werden. Es kommt so in 8 Tagen heraus. Ich sende es sofort. Ich reis dann 1. Rom von Neapel nach paar Tagen 14 Tgn. ab nach Jerusalem. In Basel werd ich vielleicht auch vortragen vorher bei derselben Musikdirektion. Auch den Dichter von Irsahab sag ich wieder, den kann ich spielen. Wenn man so spricht hoch auf Podium dann ist man wieder bei sich – das Publikum Orchester. Man entkommt für eine Stunde bürgerlichen Situationen. Ich hab hier wie nie ein Schaudern [3] bekommen vor diesen Dingen – darum sagt Frau Dr. med Bagotzki: spuck ich immer wie ein Cowboy. Psychoanalyse wie diese, daran glaub ich fest. Und ich trinke aus den Rest. Ich kann gar nicht schlafen. Früher schrieb ich Ihnen so oft nachts, auch das nicht mehr. Dr. Korrodi sagte mir, er habe auf mein schön? Gedicht: Das blaue Klavier von Schweizern so viele Schmähbriefe erhalten. Immer wandele ich die Jaffastraße auf und nieder
Heute noch im Traum durch meine Augenlider.
[4] Vier Frauen schlafen auf dem Schiff
In jeder einzelnen Kajütte
Ich lieg am Fenster und die anderen in der Mitte.
Und morgens trinken wir an einzelnen Tischen Cacao
3 Männer jedesmal und eine Frau.
Und liegen dann auf Deck im Playd
Bis spät. [Schiff]
Dann kommt Ithaka, es dreht uns blau den Rücken
Und Griechenland und morgens [Kaffeetasse] wieder frühfrühstücken
Und dann kommt Haifa mit der Trope
Ich klettere rasch in meine Robe
Und steige aus der Arche auf den Sand
[5] Ach meine Freundin Liebelfrieda
Freut sich und ich – bin wieder da.
Sie buckt mir meine Lieblingsspeise.
Bei Förders giebt es Eis der Eise
Bei Krakauers den Architekten ess’ ich Insekten und Hugo Bergmann kauft mir meine Bilder für das Museum an – Donner und Doria und 12 Abende und im Portefeuille viel geschnallt vom Schulterblatt zum Palmenblatt – einfach toll! – Aus dem Café Selekt reisen morgen schon Leute hin, Herr Holzinger nach Haifa. Netter Junge und Herr Stern will auch hin als Photograph. erst wollt er nach Siam. Ich hab sie alle angesteckt. Ich will auch Cairo sehen, diesmal und mein Theben. [6] Ich will auch Galiläa und Syrien sehen, seh alles! Ich will auch auf der Post arbeiten, am Markenschalter in Jerusalem.
[Frauenkopf im Profil mit Fes] Lieber Mill, das es Ihnen nur gut geht! Sie müssen froh sein immer. Sie glauben nicht wie schön Sie es haben. So immer bei sich und nicht so über die Welt verteilt wie ich und immer hin und her. Wie soll ich denken oder Rast finden. In jedem Herz fror ich von Neuem. Bange schlaf ich ein, bange wach ich auf was der Tag will von mir und immer gejagt. Elfrieda läßt mich erst was ausruhen auf ihrem Kanapée, o du himmelblauer See
[Schriftzeichen] So heiß ich indianisch.
[1b] Ich hab noch 5 Pralinées in der Tasche. Schmeckten herrlich. Ich aß alle allein.
Ich geb nix mehr mit. Aber nicht wieder; ich will nicht, Sie geben so viel aus für mich. Kaufen Sie lieber Renée und dem Fräulein. Nachher – machen Sie mir Vorwürfe!?!
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 36). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 26–28.
am 19. März • Vgl. zu [Brief 150] (»meinem Abend«). – Buch • Vgl. zu [Brief 146] (»Mein Buch«). – In der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 16. Juli 1937 (Jg. 158, Nr. 1284 [Morgenausgabe], Blatt 2 [»Kleine Chronik«]) erschien lediglich eine kurze, mit »W. V.« gezeichnete Besprechung des »Hebräerlands«. Darin heißt es über Else Lasker-Schüler: »Von je lebte sie im Lande des Maliks. So füllt ihr geheimes Suchen und Finden von Bestätigungen ihr Buch mit einer hymnischen Freude. Im Grunde geht sie gar nicht in das Land ihrer Väter, sondern sie betritt ihr eigenes Märchenreich, in dem jeder Rabbi eine Art Wunderrabbi ist, in dem selbst die für Geld lamentierenden Bettler an der Klagemauer verklärt erscheinen, denn sie ›verhelfen den Besuchern – Gutes tun‹.« Eine ebenfalls mit »W. V.« gezeichnete Besprechung (»Tino von Bagdad und ›Das Hebräerland‹«) erschien in der »National-Zeitung« (Basel) (Jg. 95, Nr. 409 [Sonntags-Ausgabe] vom 5. September 1937, Bücherseite der National-Zeitung). Der Rezensent schreibt über Else Lasker-Schüler: »Nun erst ist sie da gewesen, eine Reise nach Palästina, die ihr Freunde ermöglichen, denn sie selbst ist ihr ganzes, nun mehr als 60jähriges Leben lang arm und unstet geblieben, wird zur Gelegenheit, Märchen und Wirklichkeit einander zu vergleichen. Es wird, wie nicht anders zu erwarten – ein Gedicht, ein Gedicht in Prosa, sie selbst nennt es beiläufig eine ›Psalmodie‹, aber es ist mehr, es ist nach langen Jahren der Heimatlosigkeit und Verwirrung das reifste und gehaltreichste Buch der jüdischen Dichterin, die es über den Rahmen ihres Palästina-Berichtes hinaus zu einem Memoirenwerk macht ihres Märchenlebens.« – vor meinem Abend • k. [d. i. Eduard Korrodi], »Hebräerland«, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 158, Nr. 495 (Morgenausgabe) vom 19. März 1937, Blatt 2 (»Kleine Chronik«). – Eduard Korrodi weist kurz auf das Erscheinen des Buches hin: »Die Dichterin wird gewiß bei denen, die durch ihr Herkommen mit der geschilderten Welt verbunden sind, auch verständnisvolle Zuhörer finden, wenn sie ihnen heute abend aus ihren Werken mit der ihr eigenen Hingabe im Kramhofsaal vorliest.« – den Dichter von Irsahab • »Der Dichter von Irsahab« (S. 76–80) aus »Die Nächte Tino von Bagdads«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 3.1: Prosa. 1903–1920, bearbeitet von Ricarda Dick, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1998, S. 95–97. – Gedicht: Das blaue Klavier • »Mein blaues Klavier« war am 7. Februar 1937 in der »Neuen Zürcher Zeitung« (Jg. 158, Nr. 222 [Zweite Sonntagausgabe], Blatt 5) erschienen. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 1.1: Gedichte, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 267. – Liebelfrieda • Elfriede Caro. – Förders • Siehe »Das Hebräerland« (S. 93). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2002, S. 87 f. – Donner und Doria • »Donner und Doria!«: Zitat aus Friedrich Schillers Drama »Die Verschwörung des Fiesko zu Genua« (1. Aufzug, 5. Auftritt). – Selekt • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«). – Herr Stern • Carl Stern. – auf der Post arbeiten • Siehe »Das Hebräerland« (S. 26). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 5 [...], S. 26. – Renée • Schwester von Emil Raas.