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[172] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Zürich, Montag oder Dienstag, 5. oder 6. April 1937

Aktualisiert: 27. Februar 2026

* * *

Emil Raas
[1]

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5. oder 6. IV. 37

Lieber Mill

Ich danke Ihnen für Ihren lieben Brief. Ich sandte Ihnen doch den Zettel, darauf steht, ich darf erst 39 wiederkommen. Hier sagten die Leute, »das schreiben die Beamten so ohne zu Bedenken oft hin. Das kann man nun am besten durch den Bundesrat ändern lassen. Wenn ich ihm mein Buch schicke, schreib ich es dazu und bitte um Änderung?? Oder wie? [2] Natürlich wenn Sie Sich die Mühe machten für mich auch den Weg zu gehen, den Rubikon zu überschreiten, wäre alles gut erledigt. Oder wie wärs so, ich send? ihm morgen oder übermorgen mein neues Buch, habe erst heute meins, das erste bekommen, morgen das Luxusexemplar – herrlich schön gebunden in Rohseide und Goldbrochierte Seitenrande und dem ersten gemalten Bild. Er hat dann das leinwandgebundene und ich mal ihm darin ein Bild. (Ist dann eher, nach dem Geschenk meines Buchs, gelaunt, mir event. [3] ehere Einreise zu erlauben. Denn ich muß aller Dinge wegen in 3 Mon wieder in der Nähe der deutschen Zurückgebliebenen sein, so meine Ehre und Indianertreue. Verstehen Sie das? Oder ich gehe dann Holland. Aber ich packe schon jetzt, von morgen an, im Fall einer Mobilmachung. Es lebe England, es will sicher Frieden. Ich hoffe, Ihnen morgen mein Buch senden zu können. Selekt ganz entzückt, ich mußte daraus vorlesen. [4] Sie wissen, ich bin nicht eitel, aber ich hab so gern, werd ich gelobt. Meine liebste Freundin schrieb traurig heute aus Jerusalem; es geht ihnen schlecht. Wenn ich da bin, gehts, hoffe ich besser. Auf einmal steh ich vorm Fenster in Rehavia, süß Rehavia. Ich muß noch mals danken für alles Liebe in Ihrem Haus, Ihnen, Renée, Ihrem Papa und Frau Haushälterin. Nun ist mein Magen so gestärkt, kochte mir doch in Nacht, bin aufgestanden was auf Meta. Ich denke viel an die [5] lieben Tage und wünschte doch auch mal Sie, oder für Sie und Renée, Chokolade zu kochen und allerlei Nettes dazu zum Essen, 5erlei Brot, Honig Butter, lauterlei Käse, und Aufschnitt. Oder im Selekt warmes Fleisch und dazu. Ins Kino ging ich auch wieder – ganz allein, schlief manchmal ein und sah dann durch die kleine »Ostereier«glasscheibe in eine fremde Gegend und hörte fremde Menschen sprechen. Nun grüße ich Mill tausendmal! [fliegender Vogel]

Anmerkungen

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 37). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 39 f.

Zettel [...] wiederkommen • Auf der am 2. März 1937 von der Fremdenpolizei in Bern ausgestellten »Zustimmungsverfügung mit Frist zur Ausreise aus der Schweiz« (Stadtarchiv Zürich) war vermerkt worden: »Die Wiedereinreise zu Besuch, Uebersiedelung, oder Erwerbstätigkeit vor dem 31. März 1939 ohne ausdrückliche Bewilligung der eidg. Fremdenpolizei Bern ist untersagt« (Faksimile: Else Lasker-Schüler 1869–1945, bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Else Lasker-Schüler in den Tagebüchern von Werner Kraft 1923–1945, ausgewählt von Volker Kahmen [Marbacher Magazin 71/1995], Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1995, S. 286). Dieser Hinweis wurde auch im Reisepass (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 01 18]) eingetragen, als Else Lasker-Schüler sich am 19. Mai 1937 in Zürich nach Palästina abmeldete. – durch den Bundesrat • Albert Meyer. Vgl. zu [Brief 175] (»Brief von Herrn Meyer«). – mein Buch • »Das Hebräerland«. Vgl. zu [Brief 146] (»Mein Buch«). – den Rubikon zu überschreiten • Julius Cäsar hatte im Jahr 49 v. Chr. den Fluss Rubikon überschritten, um seine Stellung gegen Pompejus zu behaupten, und damit einen Bürgerkrieg heraufbeschworen. Die Wendung »den Rubikon überschreiten« ist sprichwörtlich geworden für die Bezeichnung einer folgenschweren Entscheidung. – Selekt • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«). – Meine liebste Freundin • Elfriede Caro. – Rehavia • Das im Westen Jerusalems gelegene Stadtviertel Rehavia, in dem seit 1933 vor allem die Einwanderer aus Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern wohnten. – Renée • Schwester von Emil Raas. – Meta • Metabrennstoff oder Metaldehyd (Trockenspiritus).