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[185] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Zürich, Montag, 1. November 1937

Aktualisiert: 6. März 2026

* * *

Emil Raas
[1]

[1][2][3]

1. November. 37.

[Kopf im Halbprofil mit Fes]

Lieber Mill.

Mein Handgelenk ist wieder rostig. Das kommt gewiss von vielem Wallnussaufkrachen. Und dazu steht jetzt meine Maschine auf dem Tisch und ich brauch nur den Bogen eindrehen. Ich hatte die Wochen so viel zu tun, hoffe das bald alles besser wird. Ein Mensch hier, derselbe der die Caution für Jerusalem hinterlegte, hat mit mir eindringlich gesprochen. Wir warten ab wie die Abrechnung ausfällt Oprecht. Er rührt sich dann für mich Herr Guggenheim. Bitte Namen unter uns, Frau Farbstein hat mit ihm telephoniert da er stets nett zu mir war. Als ich ihm dann schliesslich mein neustes Gedicht vorlas, verschwand er und kam mit 75 wieder und erst tat ich so dann »sowieso« und dachte besser ich geh ins Cinema als dass es liegt in Cassassa bei ihm Punkt. Eben Miete bezahlt und ich kann wieder 14 Tage und Nächte wohnen. »Wer kennt euch nicht ihr dunklen Mächte.« Wir sind alle so ein bischen Appachen geworden. In Berlin hatten wir im Fall einer Mobilmachung Arzt und Anwalt. Sanitätsrat Magnus Hirschfeld fand dann immer was am Puls oder im Gehirne und Dr. Benn, der wieder umgekehrt, auch irgend ein Symtom Und Dr. Kalischer der Anwalt selbst ein Durchgänger der uns half. Selekt in der Regie ein Glück der Emigranten. Unser Wohnzimmer. Kurt Reiss alles unterschrieben. Er hat schon Reclame gemacht für mich, bevor unterschrieben. Das imponiert mir. Arnold Schönberg der grosse Musiker nun in Hollywood schrieb mir er will gern Music zu meinem Arthur Aronymus machen und gab mir Adresse an Regisseur. Nun schickt Reiss Buch zu ihm. A. Sch. War mir und meinen Dichtungen immer gewogen schrieb manchmal Grüsse aus Wien. Also vielleicht rapple ich mich rauf. Die Haare sind mir schon ausgefallen, aber die Büschel sind wieder gewachsen durch Klettenwurzelöl. Inl. die Zeitungsadresse etc Sie ist so dick gar nicht zum senden. Les nouvelles Litteraire heisst sie. von Samedi 9. Octobre 37. Die Kritik heisst: Else Lasker-Schüler et la Feerie de Jerusalem. Darunter als Überschrift Un poete du Temps et de L)Espace –

Vielleicht bekommen Sie die Zeitung in Bern. Franz Werfel hat gestern im Theater zu Marianne Rieser gesagt, der Aronymus ist mein Lieblingsstück und es muss wieder aufgeführt werden! Wir sprechen uns um 6 heute wieder. Ich kann das nur erzählen.

[2] Sein Schauspiel eine Fuge eine Traurigkeit, die zu schwer ist für Publikum. Ich danke Ihnen nochmals für Anruf. Man braucht nicht immer gewinnen mit seiner Rede, sie kann auch eben so gross sein wie die gewinnende. Man sollte oft ein Schaaf kommen lassen das verteidigt um Verständniss zu erzielen unter der Heerde. (Ich müsst verteidigen, mäeeeeen. Freue mich wenn Sie mal wieder kommen. Wär so schön Sie sagten vorher. Wir ässen dann bei mir oben lauter Allerlei und ich denke dann ich bin was zuhaus. Aber so was begreifen Sie wohl aber sind zu eng mir die Freude zu gönnen. Ich geb schon nicht zu viel aus. Bin Ihnen noch 20 Frank schuldig. Ich wart bis Sie – – – vergessen. Ich geh lieber dafür ins Cinema zu einem Stück das ich schon 10 Mal sah.

Ich bin dabei ein neues Buch zu schreiben, sende Ihnen sofort den Anfang 7 oder 8 Seiten sowie kommt. Auch das Gedicht. Soll ich es Ihnen Orginal Handschrift senden? Für einen Frank den ich dann abziehe von den 20? Oder nicht? Warum so eine traurige Karte? Ich empfand direct einen Schmerz auf der Post in der Frühe. Nun muss ich schliessen da ich bei Frl. Messerli sein muss 2 Uhr. Ich sende Ihnen liebe Grüsse wie stets lieber Mill und gedenken Sie meiner. Ihre Dichterin

[3] [Vase mit Blumen]

Dr. Oprecht sehr beglückt da sehr gute Besprechungen. Ich atme für ihn auf.

Anmerkungen

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 42). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 88–90.

Ein Mensch [...] hinterlegte • Silvain Guggenheim. Am 6. Juni 1937 schrieb Else Lasker-Schüler an Schalom Ben-Chorin: »Auch Silvain Guggenheim schrieb jüd. Centralpresse. und hinterlegte für mich die Kaution sofort.« (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 54). – wie die Abrechnung ausfällt Oprecht • Der Vertrag über »Das Hebräerland« (vgl. zu [Brief 146] [»Mein Buch«]) und einige Abrechnungen Emil Oprechts sind im Nachlass Else Lasker-Schülers erhalten (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 7]). Danach lagen von den 1000 Exemplaren der Erstausgabe am 30. November 1938 noch 581 auf Lager, am 12. November 1940 noch 388. Dass der finanzielle Erfolg des Buches eher bescheiden war, kann auch einem Brief Oprechts entnommen werden, den er am 21. Februar 1940 an Else Lasker-Schüler schrieb. Darin heißt es: »Ihren Wunsch, weitere Freiexemplare Ihres Buches an bestimmte Adressen zu versenden, können wir leider nicht erfüllen. Von keinem Buch unseres Verlags haben wir so viel Bücher verschenkt wie von Ihrem, und bei keinem ist das Verhältnis zwischen verkauften und gratis abgegebenen Büchern so ungünstig.« – »Wer kennt [...] Mächte.« • In Goethes Roman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (2. Buch, 13. Kapitel) heißt es: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß, / Wer nie die kummervollen Nächte / Auf seinem Bette weinend saß, / Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.« – Selekt • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«). – Kurt Reiss alles unterschrieben. • Vgl. zu [Brief 175] (»läßt Aronymus drucken«). – Arnold Schönberg • Arnold Schönberg hatte am 3. Oktober 1937 aus Los Angeles an Else Lasker-Schüler geschrieben (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 142]): »[...] ich danke Ihnen sehr für Ihre ehrende Aufforderung, Musik zu einem Stück von Ihnen, respektive dessen Verfilmung zu schreiben. Und sicherlich, wenn ich aufgefordert werden sollte und das Darzustellende einigermaßen innerhalb der Grenzen meines Ausdrucksvermögens liegen sollte, wird es mir eine Vergnügen sein und ich werde mich auf die Komposition stürzen. [...] Jedenfalls wünsche ich Ihnen vielen Erfolg und füge die Adresse Wilhelm Dieterle’s bei [...].« Auf der Rückseite des Briefes notierte Else Lasker-Schüler: »Bitte sofort zurück. Nur unter uns auf Ehrenwort!« – Regisseur • Wilhelm (William) Dieterle (1893–1972), Schauspieler und Regisseur. Er lebte ab 1930 in Hollywood. – Else Lasker-Schüler et la Feerie de Jerusalem. • Marcel Brion, Else Lasker-Schüler et la Féerie de Jerusalem. Un Poète du Temps et de L’Espace, in: Les Nouvelles Littéraires (Paris), Nr. 782 vom 9. Oktober 1937. – der Aronymus • »Arthur Aronymus und seine Väter«. Vgl. zu [Brief 142] (»mein Stück«). – Sein Schauspiel • »In einer Nacht«. Die Premiere der Inszenierung des Zürcher Schauspielhauses hatte am 28. Oktober 1937 in Anwesenheit Franz Werfels stattgefunden. Jakob Rudolf Welti spricht in seiner Besprechung der Aufführung von einem »schwachen Werfel-Stück, das mit hohen und höchsten Dingen in einer artistisch-literarischen Art spielt, die von gestern ist« (wti. [d. i. Jakob Rudolf Welti], Werfel: »In einer Nacht«. Schauspielhaus [28. Okt.], in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 158, Nr. 1945 [Abendausgabe] vom 29. Oktober 1937, Blatt 7). – ein neues Buch • Der Plan, nach »Das Hebräerland« ein zweites Buch über Palästina mit dem Titel »Die Heilige Stadt« (»Tiberias«) zu veröffentlichen, wurde nicht verwirklicht. Teil dieses Buches sollte das nachgelassene Schauspiel »IchundIch« sein. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2001, S. 294–300, 445–466 und 307–310 und Bd. 2: Dramen, bearbeitet von Georg-Michael Schulz, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1997, S. 183–235. – den Anfang • Am 5. November 1937 erschien von Else Lasker-Schüler in der »Jüdischen Rundschau« (Berlin) (Jg. 42, Nr. 88, S. 10 f.) der Beitrag »Ich erzähle etwas von Palästina«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1 [...], S. 294–300. – Auch das Gedicht. • Eventuell ist das Gedicht »Herbst« gemeint (Manuskript im Nachlass von Emil Raas erhalten):

»Herbst

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön ......

Es kam ein Engel mir – mein Totenkleid zu nähen;

Denn ich muß andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben ›dem,‹ der viel von Liebe weiß zu sagen

Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!

Haß schachtelt ein wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Ich will dir viel viel Liebe noch zum Abschied sagen.

Wenn auch schon kühle Stürme wehen,

In Wirbeln sich um Bäume drehen,

Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.

Mir ist auf Erden weh geschehen –

Der Mond giebt Antwort dir auf deine Fragen.

Er sah verhängt mich – auch an Tagen,

Die zaghaft ich beging auf Zehen.

Es rosten alle Blätter der Alleen .....

Und viele ihrer Früchte faulen auf den Seen.

Else Lasker-Schüler

Nur für Mill«

Im Brief an Emil Raas vom 17. November 1937 (s. [Brief 186]) kündigt Else Lasker-Schüler die Übersendung einer Gedichthandschrift für den folgenden Tag an. – »Herbst« erschien allerdings erst im Spätjahr 1938 in der Zeitschrift »Der deutsche Schriftsteller« (Paris) (Sonderheft zum Jubiläum des SDS vom November 1938, S. 17). – gute Besprechungen • Vgl. zu [Brief 155] (»Buch«) und [Brief 177] (»Carl Seelig«). Ferner war in den »Basler Nachrichten« vom 14./15. August 1937 (Jg. 93, Nr. 221, [Beilage:] Literaturblatt der Basler Nachrichten Nr. 32) eine mit -th- gezeichnete Besprechung des »Hebräerlands« erschienen (»Else Lasker-Schüler. Das Hebräerland. Verlag Oprecht, Zürich«). Darin heißt es: »Lasker-Schüler erzählt wahllos, was ihr einfällt, nicht aber, daß dadurch – höchstens manchmal durch die impulsive Satzstellung – ein Eindruck der Unordnung aufkommt; ein Gefühl des Schreitens über einen mit besonderer Liebe gewobenen Teppich überfällt den Leser angesichts der in wirksamen Grenzen gehaltenen Buntheit der Sprache.« – Im Nachlass Else Lasker-Schülers (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 08 56]) gibt es ein Heft mit 25 teils eingeklebten, teils eingelegten Rezensionen zum »Hebräerland«. Die einzelnen Zeitungsausschnitte wurden von Else Lasker-Schüler beschriftet.