[147] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Dienstag, 16. Februar 1937 (1)
Aktualisiert: 11. Februar 2026
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16. II. 37.
[zwei Köpfe im Halbprofil, dahinter ein Kaktus]
Reizende Menschen.
Lieber Mill.
Hier große Sachen für die Wiederholungen meines Schauspiels. Denken Sie 8 Menschen nun sind hingegangen, heute früh 2 erstkl. Damen – und ich glaub es kommt wieder. Es ist rein aus mater. Gründen. »Einfach toll«, ich machte mich heute Vormittag (wie in Hypnose) auf zum Direktor. Er war sehr lieb; – ich weiß nun, daß keine Intrigue im Spiel. Alles rein mater. Gründen. Aber man muß doch paar Mal geben, damit alles in Gerede kommt. [2] Doch großartig von den fremden Damen und Herren. Christen und 3 Juden hier. Es war das schönste Stück und glanzvollste Inscenierung, die hier je stattgefunden – sagten sie. Dr. Korrodi sagte, er ging hin, sowie wieder aufgeführt. Seine Mama war doch da und schrieb mir unerhört schön. Also im Gang! Aber bitte noch unter uns. – Eric H. schrieb, er habe Sie nur was angefragt wegen Buchhändler? Mein Buch kommt Ende Monat. Ich erwähnte Ihren Namen nur als Mill Raas als Indianer. Oder schädigt Sie das. So streich ich bei der II. Korrektur jetzt. Ehrlich Antwort! Vielleicht stößt sich mal ein Feldblumenhalbmond daran. [3] und »Partie« wird nicht! (Schweine!!) Bitte verzeiht!! Der Cynismus Appelmus mus muß heraus; ich spuck ja schon den Tagüber an alle Pforten und Fratzen aus. Verzeiht! Verzeiht – es mai’t schon und die Möwen singen. Ich weiß warum Sie nicht wiederschreiben. Überlegte hin und her. Weiß nun!! So höret die Mordgeschichte, Sie den ich mal geliebt hab – wirklich ehrlich, ja fast zauberisch, dann in den Müll warf. Ich schrieb so was vom »reinen« Körper – so ähnlich vom River und Sie mir aber die Hand geben, als ob ich der arme Heinrich – der Aussatz habe. Ich merkte das wohl in meiner vom vereinten Schwitzervolke erniedrigten Herzen. [4] Oder Sie dachten, geb ich ihr anständig die Hand oder küsse sie, wie Sitte in Culturlanden, sitz ich schnapp in der [Mausefalle] Falle. Sie verkommen nicht im Schooß des Prinzen von Theben; verstehen Sie das? [Kopf im Halbprofil mit Fes, um einen Tintenklecks gezeichnet] War Klecks gekommen. Auch hatte ich so geschrieben ohne an die Betten zu denken. Verstanden!?! Oder nicht? Ich hatte, ehrlich gesagt geträumt in der Nacht, Sie hätten einen Ekel gehabt, sind purpurrot geworden, als Sie mir Lebewohl sagten und mir die Hand geben wollten. So’n Ekel hätten Sie vor meiner Hand gehabt. Das ist eine Frechheit; ich schoß auf Sie und traf Sie nicht. Ich lief hinterher die Treppe, immerzu noch über die Straße, traf Sie nicht! Solche Einbildung. Wie sie sich ja alle so wichtig hier nehmen – und Ihr Trotz [5] ein sich wichtignehmender Moment. Das Getue. Ich sagte zu jedem Strichjungen meinethalben, »eck lewe Önk!« Oder ich liebe dich – nun und wenn schon!! Ich küß auch alle Hände, warum nicht? Früher küßt ich mir selbst die Hand [Hand mit Ring auf dem Mittelfinger] dachte ein Ritter küßt sie. Nun – bin ich weniger oder bin ich gefesselt oder hab ich mich aufgehängt, da ich mir nicht treu blieb. Wer bin ich? Wasser mit Geyerschrei. Feinste Suppe aus dem Universum. Hier alle noch in Maskerade und besoffen. Ich offen und ehrlich wie stets, aber im unbürgerlichen Sinn. Wurde gestern 1000 u. 3 Jahre – Hängen Sie die Spießbürger alle am Birnbaum auf. Jussuf Abigail
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 35). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 14 f.
Wiederholungen meines Schauspiels • Vgl. zu [Brief 142] (»mein Stück«). – mater. • materiellen. – Direktor • Ferdinand Rieser. – keine Intrigue im Spiel • Else Lasker-Schüler hatte den Verdacht, »Arthur Aronymus und seine Väter« sei infolge einer Intrige vom Programm des Zürcher Schauspielhauses abgesetzt worden. – schrieb mir unerhört schön • Marie Korrodi hatte am 21. Dezember 1936 an Else Lasker-Schüler geschrieben (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 177]): »Ich wünschte nur die Gabe zu besitzen die richtigen Worte zu finden um Ihnen zu sagen wie sehr es mir gefiel. Ich kann nur von ganzem Herzen Ihnen weitern guten Erfolg wünschen.« – Eric H. • Erik Heilbronn. – Mein Buch • »Das Hebräerland«. Vgl. zu [Brief 146] (»Mein Buch«). – nur als Mill Raas • Siehe »Das Hebräerland« [S. 96] (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2002, S. 90). – So höret die Mordgeschichte • Siehe »Das Hebräerland« [S. 101] (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 5 [...], S. 94). – der arme Heinrich – der Aussatz habe • Titelheld der um 1195 entstandenen Verslegende »Der arme Heinrich« von Hartmann von Aue. Der ganz den Freuden des irdischen Lebens hingegebene Heinrich erkrankt an Aussatz und wird durch Entsagung auf den rechten Weg zu Gott und zur Genesung von seiner Krankheit geführt. – Der »arme Heinrich« wird von Else Lasker-Schüler auch in der ersten Folge der »Briefe und Bilder« [S. 855] (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 3.1: Prosa. 1903–1920, bearbeitet von Ricarda Dick, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1998, S. 300) und im »Malik« [S. 10] sowie im Brief an Karl Kraus vom 31. März 1914 [Brief 137] (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 7: Briefe. 1914–1924, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2004, S. 26) erwähnt. – Wurde gestern 1000 u. 3 Jahre • Anspielung auf die arabische Märchen-, Novellen-, Fabel- und Anekdotensammlung »Tausendundeine Nacht«. Scheherazade, die Hauptfigur, erkauft sich in 1001 Nächten durch Erzählungen ihr Leben. – Else Lasker-Schüler hatte am 11. Februar Geburtstag, 1937 wurde sie 68 Jahre alt.