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[141] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Zürich, Montag, 30. November 1936

Aktualisiert: 6. Februar 2026

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Emil Raas
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30. Nov.. 36.

Lieber guter Mill

Nur darum mit der Maschine, da ich heute Abend spätestens wieder Dr. Oprecht leserlich abgeschrieben für den Verleger die 100. Seite bringen muss; eigentlich schon heute früh. Dann kommen noch etwa 70 Seiten. Nun musste ich gestern Sonntag in den Teich einer Kindervorstellung mir Kinder ansehen für mein Schauspiel. Fand alle. Auch der kleine Wölfli Farbstein soll mitspielen. Und nun musste ich noch die Resultata Frau Marianne Rieser eben schreiben etc. Ich habe früh Ihren lieben Brief geholt, Mill. Das Herz tat mir weh, wirklich wahr. Sie schreiben darin so ehrlich und rührend. Im Grunde gefällt es mir ja, dass Sie so herbe sind. Ich hatte einen Bruder, der Husar war, mich einexcerzierte, der konnte selbst nicht danke sagen. Nicht etwa aus Hochmut nicht, aber aus Herbheit sicherlich. Und dass Sie vielleicht nur vor dem Altar knieen können und nicht im Theaterspiel fasse ich wohl. Darf ich sagen, Sie sind ein – entzückender Junge oder Scheusal? Damit es nicht sentimental wird. Ich hoffe Sie sind jetzt wieder ganz gesund? Ich hab immer Rückenweh. Merkwürdig das Schreiben auf der Maschine wirkt eine Sportübung und es vergeht dann. Neue jüd. Pressecentrale bringt Hanukafest wieder einen kleinen Abschnitt aus meinem Buch. Dann kam von einem lieben Bekannten dem Direktor der Theaterabt. Fischer Verlag aus London ein so lieber besorgter Brief. Er wird ein Paar Engländer für mich interessieren. Dann kann ich mal die mir [2] verordneten Bäder nehmen. Er war immer so reizend zu mir; wir waren auch in einem Club zusammen in Berlin er seine Frau und ich. Dann kommt das Journal die Ernte aus Jerusalem darin steht auch Beitrag von mir. Vorgestern war ich wieder mit Marianne Rieser zusammen Theater im Restaurationssaal. Nun beginnt die Sache. Leopold Lindtberg hat die Regie. Steckel spielt den Grossvater, Horwitz den Bischof. Langolf den Caplan, Kalser den Grossrabbiner Uriel meinen wunderbaren Urgrossvater in Paderborn. Eine ganz kleine Schauspielerin meinen 11jähr. Papa. Er wäre sicher noch heute 11 Jahre alt. Er kaufte sich immer Kreisel und Enten zum Aufziehn und so allerlei. Ich würde lügen oder affektieren, wenn ich nicht sagen würde, wie soll ich sagen? ich empfinde grosse grosse grosse Freude da mein Schauspiel aufgeführt wird. Wollen Sie mitspielen? Dann müssen Sie mirs sofort schreiben. An Herrn Dr. Gafner wollte ich täglich teleph. ihm erzählen von der Annahme. Am 2. oder 3. sicher. Hat er Ihnen denn noch nicht geschrieben? Und nun muss ich wieder arbeiten und schliesse den Brief und grüsse liebe Renee und Ihren verehrten Papa. Und – – – – – – – – einem Kniefall, Ueberfall räuberischen vor Mill (auf der Bühne natürlich) in meiner Rolle als Prinz Jussuf.

Grüssen Sie bitte Ihre Frau Haushälterin. Ich bin ihr noch ein nett Tuch schuldig.

Lindtberg gefällt mein Stück so sehr, er möchte noch dazu mitspielen Vielleicht den Spanier.

Mit meinem Rücken ist das so: Ich bekam ja solch einen so schweren Schlag mit der sogenannten eisernen Faust auf den Rücken damals, dass ich längere Stunden gelähmt links war. Darum Die Schmerzen, an die ich mich fast gewöhnt. Wir wollen nicht davon sprechen. mehr.

[3] Ich schrieb wahrhaftig nichts im letzten Brief aus Bösem. Ich träumte das so in der Nacht.

Anmerkungen

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 32). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 9: Briefe. 1933–1936, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2008, S. 433–435.

die 100. Seite • Vom Manuskript des »Hebräerlands«. Vgl. zu [Brief 48] (»viel dichtete auch über Jerusalem«). – mein Schauspiel • Das Schauspiel »Arthur Aronymus und seine Väter«, das am 19. Dezember 1936 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. – Marianne Rieser eben schreiben • Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 9 [...], S. 432 f. (an Marianne Rieser, 29. oder 30. November 1936 und 30. November 1936). – Bruder, der Husar war • Maximilian Moritz Schüler. Siehe Else Lasker-Schülers Schrift »Ich räume auf!« (S. 8: »wenn mein Bruder noch lebte, der grüne Husar«) und die Erzählung »Der Versöhnungstag« (S. 266: »den starken Husarenarm meines zweiten Bruders«). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2001, S. 54 und 100. – Neue jüd. Pressecentrale [...] aus meinem Buch. • In der von Oscar Grün herausgegebenen »Jüdischen Presszentrale Zürich« erschienen am 23. Oktober und am 4. und 11. Dezember 1936 (Jg. 19, Nr. 914, S. 3 f.; Nr. 920, S. 5 f. und Nr. 921, S. 9 f.) Auszüge aus Else Lasker-Schülers »Hebräerland«. – Chanukka: das achttägige Lichterfest, das am 25. Kislew – 1936 am 9. Dezember – beginnt. – Direktor der Theaterabt. Fischer Verlag • Konrad Maril. Er hatte am 22. November 1936 aus London an Else Lasker-Schüler geschrieben (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 28]): »Ich höre zu meinem Schmerz, dass es Ihnen nicht gut geht. Ich kenne Ihr grosses Herz, das sich gegen Hilfe sperrt, und mir geht es selbst nicht gut, aber würden Sie mir erlauben, zu versuchen, ob ich hier Leute bewegen kann, Ihnen zu helfen? Im England gibt es viele Menschen, denen zur Lebensaufgabe wurde, anderen zu helfen.« – Journal die Ernte • In der von Adolf Chajes und Schalom Ben-Chorin herausgegebenen Anthologie »Die Ernte« (Jerusalem: Manfred Rothschild, 1936) erschienen von Else Lasker-Schüler die Gedichte »Es kommt der Abend ...«, »Ich weiß ...« und »Die Dämmerung naht ...«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 1.1: Gedichte, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 265 f. – Langolf • Wolfgang Langhoff. – Eine ganz kleine Schauspielerin • Grete Heger, die den Arthur Aronymus spielte. – Renee • Schwester von Emil Raas. – den Spanier • Den Weinhändler Alfonso Kissingen, der von Felix Eckold gespielt wurde.