Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

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Else Lasker-Schüler

[1] Arthur Aronimus und seine Väter. [*]

Wenn hinter den Fenstern der Häuser Westfalens die Weihnachtsbäume angezündet wurden, erzählte der Vater meines Vaters, also mein Grossvater seinen dreiundzwanzig Kindern die himmelschreiende Tragödie aus seiner Jugendzeit, die sich am Heiligen Abend der Christen ereignete mit allen Schrecknissen beizender Gewürze. Die älteren Kinder meines Grossvaters bestätigten düster im Singsang und Gebärden, ein Chor der Rache, die Uebeltaten an ihrem auserwählten Volk. Nur mein kleiner Papa scharrte bisweilen ungeduldig mit den Nägeln unter seinen derben Jungensstiefeln über den Fussboden oder an den Nussbaumbeinen des grossen Tisches, dass seinen zweiundzwanzig Geschwistern zugleicher Zeit das Herz vor Schreck aussetzte, sein dreiundzwanzigstes aber hüpfte vor Vergnügen dem auflauschenden Vater fast ins Gesicht. Der hatte Angst vor Mäuse – wenn er es auch nicht zugab. Den armen Kroatenjungens kaufte er die teuerste Mausefalle ab, sie hinten und vorne auf den Verschluss prüfend. Heute jedoch beherrschte er seine Antipathie gegen diese aufdringlichen Nagetiere. Am schwersten verdross Arthur Aronimus dem kleinen Enfant terrible die weit über den wahren Inhalt sich ausdehnende Schauergeschichte des sich zeitlassenden erzählenden Vaters. Seine beiden Freunde hörte er schon lange pfeifen vor dem Zaun des Gartens.

Wie heute brannten die Tannenbäume hinter den Scheiben der geistlichen Hauptstadt Westfalens, als sich das blutige Pogrom abspielte. Unschuldig vergossenens Judenblut klagte über die Grenzen des Heimatlandes, dunkel über den Rhein und pochte an die Judenherzen anderer Reiche im unheimlichen Echo an die Erdteile der [2] Welt. An die geschmückten Zweige der hohen Tannenbäume im Rathaussaale, in der Aula der Schulen, hatte man kleine Judenkinder wie Konfekt aufgehängt. Zarte Händchen und blutbespritzte Füsschen lagen, verfallenes und rotes Laub auf den Gassen des Getthos umher, wo man den damaligen Juden gestattete, sich niederzulassen. Entblösste Körper, sie eindringlicher misshandeln zu können, bluteten zerrissen auf Splittern der Fenstergläser gespiesst, unbeachtet unter kaltem Winterhimmel. Die Stadt zu betreten ohne Erlaubnisschein war dem grössten Teil der jüdischen Gemeinde streng untersagt. Einige Familien, die meiner Grossväter, durften sich frei zwischen den andersgläubigen Einwohnern bewegen. Mein kleiner Papa klatschte in die Hände, die blutige Historie begann ihn schon im vorigen Jahr an dieser Stelle angelangt, zu interessieren. Er hatte ja den Grosspapa-Rabbuni, den Vater seiner lieben Mutter so lieb gehabt, auch er war sein Lieblingsenkel gewesen. Wie oft schlich der Hohe Priester heimlich nach dem Mittagsbrot mit seinem drolligen Enkelkinde in den Zuckerladen gegenüber seines Hauses. Ja, er blinzelte ihn oft während des schlichten Mahles verständnisvoll an, der grosse ehrfürchtige Jude von der ganzen Stadt geehrt von Jude und Christ; Freund des Bischofs Andreas von Westfalen. Jeden Abend, nachdem die beiden Fürsten ihr einfaches Abendbrot eingenommen hatten, trafen sie sich in einem kleinen Gastzimmer im Goldenen Halbmond. Der nahm nicht zu und nahm nicht ab, genau wie das sich nie verändernde freundschaftliche Bündnis, das die beiden Hohen Priester verband. Sie salbten die Stunden vor dem Schlafengehen mit gottgefälligem Oel, suchten himmlisches Gold in heiligen Gesprächen, zwei verbündete Gottgräber. Denn im Grunde glaubten sie beide an den alleinigen, unsichtbaren Herrn, den Ewigen, den König der Welt. Und wenn auch [3] gehässige Nachbarn versuchten, meinen weissgewordenen Urgrossvater, meines kleinen Papas Grossvater, ihm, nach dem längst in Gott ruhenden Bischof, zu beweisen, der bischöfliche Freund habe weiland von dem Judengemetzel gewusst, es verhindern können, etcetera, pflegte mein empörter kleiner Vater, ausser sich geraten, durch das Verleuchten im Auge des Rabbunis, die bösen Leute mit seinen kleinen aber starken Fäusten zu bearbeiten. All die alten Kinderbilder vom Grosspapa Rabbuni waren er ja selbst auch seine Mutter behauptete, sie seien zum Verwechseln ähnlich.

Die Natur hatte ihn nach des Grosspapas Antlitz verschnitten und er war sehr stolz darauf. Sechs Jahre zählte mein kleiner Papa und trampelte ins siebente mitten hinein. Ihn nahm seine liebe Mutter am liebsten mit zu Besuch zum lieben Grossvater; dem sein Bart berührte fast schon den kleinen Teppich aus Persien, den er sich in jungen Jahren auf einer religiösen Forschungsreise durch die morgenländischen Bibliotheken mitgebracht hatte. Des kostbaren Teppichs Fransen wurden täglich gepflegt. Wie lauter Finger vieler predigender Hände hob ein Abendwehen bisweilen sie mannigmal empor. Um den ehrerbietigen Kopf trug der heilige Grossvater einen Turban; am Alltag einen schwarzen, einen weissseidenen am Sabbat. Und es schmeichelte Ihm doch etwas, wenn Pilger kamen aus exotischen Ländern und Ihn verglichen mit dem Aeussern des mächtigen Sultans vom Bosporus. Hingegen verhinderte er liebevoll, wenn sie sich niederbeugten sein Gewand zu küssen. Die Väter meiner Urgrosseltern meines noch kleinen Vaters Eltern-Eltern wohnten Haus an Haus in der katholischen Hauptstadt Westfalens. Ihre Kinder wurden schon in ihren Kinderjahren [4] feierlich verlobt, um nach der Zeremonie des Gelöbnisses weiter ihre Spiele zu pflegen. Sie kletterten mit den Nachbarskindern auf Aepfel- und Birnbäume. Wenn sie sich dann später verehelichten – die Grossmutter erzählte, ihr wars wenigstens so gewesen, als ob sie ihren Bruder heirate. Eigentlich mochte sie den »Edmund« den älteren Bruder ihres Verlobten viel besser leiden. Wie ein wilder Stier sprang er am Morgen ihrer Hochzeit schnaubend über die Tierhecken Gäseckes. Moritz, der glückliche Bräutigam hatte sich dort ein Grundstück gebaut, das er mit Hilfe tüchtiger Bauern beackerte. Meine Grossmutter, meines Vaters Mama, sollte Gutsbesitzerin werden! Aber Edmund hatte blondgeringeltes Lockenhaar und grosse helle Augen; die schwarzäugigen Töchter der Judenfamilien hatten sich alle in ihn schon verguckt. Der Moritz hingegen, mein Grossvater, war ein ganzer Mann, fast zu hart im Ausdruck, ja seine kühlen Blicke trafen oft den Nächsten wie dunkle Dolche. Er duldete keinen Widerspruch und das war die einzige Untugend, die mein Urgrossvater, der milde Vater meiner Grossmutter gegen ihn einzuwenden hatte. »Denn Gedanken und Worte weiten sich, im Horizonte freiem Gaukelspiel und verkümmern ohne übenden Widerspruch des Freundes.« Aber der verliebte junge Mann ging über die Weisheiten seines priesterlichen Schwiegervaters verständnislos hinweg. Wie später die Mehrzahl seiner Söhne, Arthur Aronimus Geschwister. Von des Rabbunis göttlichspielender Weisheit hatte keiner von ihnen geerbt; aber seines kleinen Arthurs ungezügeltes urwüchsiges Temperament verglich der Grossvater mit einer lachenden Beere an seinem Stamm. Hingegen betrachtete ihn der Vater mit den aus der Art geschlagenen schwarzen Schafen, die dem grossen Schäferhund schon hin und wieder Kummer bereiteten.

[5] Diesmal liess der Vater es bewenden seines unverbesserlichen kleinen Aronimus Lebhaftigkeit mit einem rügenden Blick zu strafen, denn auch seine Geschwister leierten zuvorkommend die Worte des Vaters voraus, strebten dem Ende der düsteren Ballade zu mit geheuchelter Geduld – »und Spucke« dachte Arthur für sich, »fängt man eine Mucke«. Die sprühende Rosa seine älteste Schwester hatte sich mit ihm schon lange verständigt in ihrer Zeichensprache, die sie und er nur zu enträtseln vermochten. Die häkelnde Ernestina aber, sass aufgerichtet pflichterfüllt, genau wie sie sich hingesetzt hatte an den grossen Tisch und bestätigte jedesmal von neuem mit einem Kopfnicken, was der Vater erzählte. Elieschen blätterte unter dem Tisch vom Beginn der Tragödie an in Goethes »Hermann und Dorothea« begleitet vom Rhythmus der Dorfkirchenglocke. Auf dem Schoss der ältesten Tochter, der schönen Fanny setzte sich Lenchen Arthurs Lieblingsschwesterlein. Müde legte es schon sein Köpfchen zur Seite und nur die Zwillinge, die beide, »Käthchen«, gerufen wurden, da man sie doch nicht auseinanderhalten konnte, hatten sich längst zu ihrer Mutter geflüchtet, rechts ein Käthchen, links ein Käthchen. Neben dem Grossvater sass der liebe leidende Alex im Krankenstuhl und an seiner anderen Seite der kurzsichtige Max, Vaters Augapfel. Um seinen Hals trug er ein Lorgnon. Auf dem Spielplatz im Garten zeichnete er lauter Tiere in den Sand. Menachem hiess der Aelteste. Nach ihm kam Simeon; »Geizkragen«! Schimpften ihn seine Geschwister, selbst dem Herrn Vater schien er zu materiell. Auch das allabendliche Dozieren seines pathetischen Julius ging ihm contre coeur.

Die Geschwister belustigten sich, wenn er den Mund gross und [6] überwältigend aufriß, wie sich die Kinder das Maulwerk eines Grossmoguls vorzustellen pflegten. Aber der Berthold glich seinem Onkel Edmund, er hatte wie der, goldenes Lockenhaar und grosse helle Augen und die christlichen Mitschüler liebten ihn. Fannys Tanzstundenfreund trat plötzlich in die Stube. Wenn auch nicht einem Pogrom, so war er doch einer Privatjudenhetze vor ein paar Jahren zum Opfer geworden. Er blickte seitdem aus seinem schwarzen wirklichen und aus einem künstlichen, hellblauen Glasauge, die dunklen waren alle in der Apotheke ausverkauft gewesen. Seitdem wurde er im Halbenface in Lokalen beim Glase Bier so oft für einen Christen gehalten, trotzdem seine Nase von beträchtlicher Länge, keinen Schaden erlitten hatte. Fanny schob ihn an Rosa ab, der mitleidigen Schwester. Alle ihre Nippessachen, mit denen ein Mann eigentlich nichts anzufangen weiss, hatte sie ihm fast alle schon geschenkt. Sie tanzte auf Padersteins Hausball beinahe zu viel mit ihm. Er wurde Mode. Elieschen fand zwar, er sei viel zu wissenschaftlich für die unkomplizierten, lachlustigen Mädchen in Gäsecke. Einmal lockte sie ihn durch intensives Räuspern in die Jasminlaube am Ende ihres Gartens, wo sie ihn durch gelehrte Taktik in der Dämmerung für sich einfing. Hingegen Ernestine hatte wenig Glück bei Männern. Ausserdem waren ihre Hände rot. Der hübsche Provisor verordnete ihr eine Kleie und sie tauchte in die schleimige bleichende Masse jeden Abend vorm Schlafengehen ihre wirtschaftlichbegabten Finger. Eigentlich war sie die Frau im Hause. Ueberall machte sie sich was zu tun. Manchmal konnte sie ihre Schürze nicht finden; bebend und räsonnierend eilte sie in den Gutsgarten, dass die bunten und weissen Pfauen aufflatterten. Am Zwetschkenbaum hatte [7] sie Arthur Aronimus wieder aufgehängt; doch oft sah Ernestine sie über die Kieswege wie ein Gespenst schleichen, bis es ein paar Ohrfeigen von ihr bekam.

Die Ernestine sammelte den Honig in kleinen irdenen Töpfen und der Imker wusste wohl, – jede der Bienen hat sie gezählt, gezeichnet wo am Leib – und er fürchtete sich weit mehr vor dem Stachel der Tüchtigkeit Ernestinens der Tochter seines Brotherrn, als der vor der sich in Brunst befindlichen summenden Regina. Dem kleinen Lenchen dem Lieblingsschwesterchen Arthurs waren alle im Haus und im Garten und die Menschen im ganzen Dorf von Herzen gut; niemand tat ihm was zu leide. Es sass ja auch noch eigentlich mit den kleinsten Geschwistern im Nest. Nur der Bruder holte es öfters hervor und dann marschierten sie Hand in Hand an bunten Strohblumenbeeten der Gärten niedlicher westfälischer Häuschen vorbei ins benachbarte Dorf; brachten Grüsse von der lieben Mutter. »Na, was macht denn Eure liebe Mutter?« fragte sie die Sanitätsrätin Grünebaum. »Kaffee, wenn Gäste kommen!« erwiderte mein kleiner Papa. Ganz Westfalen wusste binnen vorgestern von dieser schlagfertigen Antwort des kleinen Jungen und selbst der Grossvater konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren, wenn er auch den vorlauten Mund seines Sohnes Arthur Aronimus tadelte. Der junge Pfarrer des Dorfes und alle seine Lehrer zusammen beklemmten sein spiellustiges Herz nicht ein zehntel – und alle Ziegelsteine und Backsteine, so schwer, wie das strenge Auge seines Herrn Vaters. Vielleicht kalkulierte Arthur, weil er untenan in der Klasse sitze, verachte der ihn? Trotzdem er im Turnen und Singen immer: rechtgut bekam. »Er muss doch nicht alles können«, nahm ihn seine liebreiche Mutter in Schutz, denn er war wieder sitzengeblieben. Und sie reiste mit [8] ihrem wilden Jungen schnurstracks ab in ihr Elternhaus nach Paderborn. Der Grossvater-Rabbuni lag zwar schon ein Jahr im Gewölbe, aber eben darum bot sich die trifftige Gelegenheit in ihre Heimat zu fahren, den Willen ihres frommen Vaters laut Testament: ein Jahr nach seinem Tode seine mächtigen in Schweinsleder gebundenen Werke der Stadtbibliothek einzuverleiben. Allerdings auch für Arthurs Vater ein zu respektierender Grund. Die Mutter, noch ein Kind, erinnerte sich nur noch schattenhaft an das damalige Pogrom des Weihnachtsabends von dem des Vaters Geschichte handelte. Durch alle Zeitungen eilte die blutige Kunde in die Welt. Einzelne Christen gaben den Hebräern den gutgesinnten Rat, weniger industrielle Berufe zu ergreifen, unkenntlich des Paragraphen, der damals den Juden den Zugang christlicher Lehranstalten verbot. Und Priester hungerten genug im jüdischen Volke. Aus Spanien hatte man sie fast alle schon mit ihren Gemeinden vertrieben. Oder man hatte sie gezwungen zum christlichen Glauben überzutreten. Der Grossvater Rabbuni betete so oft für die Maranen, Juden, die man in fremde Krüge goss, die allerdings keinen Henkel hatten und man sich ihrer darum nicht mehr bemächtigen konnte. Ihre tausendjährige Sehnsucht aber, werde doch einmal den Stein sprengen und wenn auch nach Jahrhunderten, prophezeite Arthur Aronimus ehrwürdiger Grossvater Rabbuni. Weinende spanische Juden kamen so oft zu meinem Urgrosspapa und suchten Trost bei ihm. In den engen Gassen des Getthos bildeten sie Gruppen mit der ansässigen Judenbevölkerung. Sich in wirtschaftlichen vor allem in religiösen [9] Fragen zu einigen. Stoff war ja in Ueberfluss vorhanden, leider mit Blut gefärbter Stoff; ihn zu prüfen, zu beschneiden, endlich die erlösende Form der Geduld zu enträtseln, aller Bedrängten Wunsch. Manche unter ihnen trugen Flor um den Arm, besonders Ergriffene wankten in ärmliches Sackleinen gehüllt durch die Winkel des Judenviertels in den vertrauten Synagogentempel. Ihre Augen waren ausgebrannt, grau verweint, Asche. Ins Gedächtnis stiegen diese Erinnerungen Arthurs lieben Mutter und sie weinte bitterlich, ihren kleinen Schelm an der Hand führend vom Bahnhof bis vor das Haus des verstorbenen Grossvaters. Dort brannte noch das kleine Lichtchen in der roten Glasampel – ein ganzes Jahr schon für seine Seele. Und Arthurs Mutter auf den getreuen Knecht ihres Vaters weisend, erklärte ihrem Kinde, der passe auf, dass Grossvaters Seele nicht erlösche. Am anderen Morgen schien die Sonne ganz »dick«! Meine Grossmutter mit meinem kleinen Papa an der Hand machten sich auf den Weg zum Friedhof. Die Mama könnte doch mal aufhören zu weinen, dachte Aronimus und machte ohne jede eigentliche Veranlassung ein paar Sprünge, trotzdem er seiner Mutter versprochen hatte, im Heiligen-Garten recht brav zu sein, leise zu sprechen und vor allem, ruhig an ihrer Seite zu schreiten. Auf einmal rief ein Kuckuck. Arthur Aronimus zählte ganz leise: Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Und dann betonte er auf westfälisch Plattdütsch im Ton der Bauern: »Genau so alt wie eck bin, wurd der Groatvatter. Een schönet Alter, wat Modder?« Sie konnte nicht schelten, auch sah sie den teuren Rabbuni sich im Grabe freuen, seine heilige Seele vom blauen Himmel lächeln, über ihren kleinen Arthur Aronimus seinem verhätschelten Enkel. [10] Endlich wurde es dem klar, warum ihm die Mutter kleine Steinchen in die Tasche gesteckt hatte und sich von derselben Sorte etwas grössere, denn sie hob ihn in die Höhe und er musste sie auf den oberen Rand des breiten Denksteins kunstgerecht wie ein Maurer legen. Das war sein erster ernster Bau. Zwei betende Hände bemerkte er zwischen den Quadern des frommen Steines eingraviert. Nach der Inschrift wollte Arthur Aronimus, aus Angst, seine liebreiche Mutter beginne wieder zu heulen, lieber nicht erst fragen. Niemand an dem grossen Eichentisch des Weihnachtsabend der Christenheit bemerkte die tiefe Bewegtheit schweben um die Schläfen meiner Grossmama. Vielleicht die mitleidige Rosa mit ihren runden braunen Augen. Auf einmal fiel der Arthur Aronimus seiner Mutter um den Hals, gab ihr einen schallenden Kuss auf den Mund, wie ein donnerndes Amen. Ein unerwarteter glücklicher Ausgang des Dramas, der selbst seinen Vater überraschte und er liess es damit bewenden, die eine seiner diktatorischen Braue unerheblich, aber entgültig zu dehnen.

Der Junge hatte ja eigentlich selbst noch keine bösen Erfahrungen mit den Christen bis heute gemacht. Im Gegenteil, er konnte den fleissigen Ernst Paderstein in seiner Klasse nicht ausstehen, der sass unentwegt der Erste; die Flüsse in der Geographie flossen alle aus seinem aufgesprungenen Mund. Der war schon so wulstig wie der seines Vaters unter dem Bart. Den August Setzdich und den Willi Himmel hatte er viel lieber, trotzdem sie ihn einmal Jud! Jud! Jud! hepp! hepp! hepp! ausschimpften, weil sie bei ihm ein Korinthenbrötchen im Ranzen gefunden hatten und er ihnen nichts mitgeben wollte. Desto tüchtiger verhauen hat er sie! Und probierte seitdem öfters mit den gleichen Schimpfworten die Kräfte seiner Schulkameraden und der der Gassenkinder herauszufordern. [11] Die Leute Gäseckes munkelten schon der Arthur Aronimus Schüler sei ein Christenkind, möglicherweise von der Amme verwechseltes Milchkind. Nach und nach erzählten sich die Kaffeeschwestern im Dorfe in ihrem Kränzchen diese Mär und die Väter am Stammtisch im Biergarten gegenüber des grossen Gutsgebäudes und – dass man das nicht schon längst dem gesunden, ausgelassenen Jungen hatte angesehen! Viele streichelten ihn im Vorbeigehen und fanden es köstlich wenn er ihnen die Zunge dafür rausstreckte. Der Kolonialwarenhändler schenkte ihm aus dem grossen Glas dicke Malzbonbons, die er so gerne ass. Eines Tages redete ihn auf dem Schulweg der muntere Pfarrer an, für den seine Schwestern alle durch die Bank schwärmten. Er schien sich zu amüsieren über Aronimus frische Antwort. Seine schlanke, gepflegte Hand legte er auf des Buben eben frisierten noch feuchten Kopf. Fräulein Paderstein kam gerade vorbei, die hagere Senorin der Familie Paderstein, die unverehelichte, älteste Schwester des Grossmanufakturwarenbesitzers en gros, Alfred Padersteins und hinterbrachte auf ihrer spitzzüngigen Weise Herrn Schüler die kuriose Auszeichnung seines Sohnes Arthurs.

Der alte Vater Schüler war ihr ja eigentlich versprochen gewesen, ihr vom Himmel ausersehener Ehegemahl. So boshaft die Kunde dem Gutsbesitzer von der verschrumpften Jungfer auch überbracht wurde, schmeichelte und beschäftigte sie ihn den ganzen Tag. Und er begann sein von ihm bis dahin vernachlässigtes Söhnchen fürder in der Landwirtschaft zu unterrichten. Arthur wars ja ganz schnuppe, ob der grosse Baum, an dem die Eicheln wuchsen, aus denen er und Lenchen sich Kaufmannswaagen fabrizierten, Eiche oder Tanne heisse, oder der starke Baumstamm da gegenüber, an dem im Herbst die grünen Igel hingen, mit denen er und sein Schwesterchen [12] Menagerie spielten, Kastanie oder Linde heisse, wenn er nur an beiden heraufklettern konnte. Und wenn sich eben nur eine kleine Schleuse öffnete, der Vater in der Lektion unterbrochen wurde, rannte sein Arthur Aronimus davon. Weit mehr interessierte es ihn ja, Städte zu bauen mit den Klötzen seines neuen grossen Baukastens, namentlich Aussichtstürme, wie einer bei Ervitte stand. Lenchen sollte bei ihm oben in den Wolken wohnen ..... Und er übte sich mit den Klötzen seines neuen Baukastens, den Fanny ihm zur Belohnung gekauft hatte, für die Wache, die er vor ihrem Fenster gehalten hatte, während ihr Verehrer aus Münster ihr die Kur schnitt. Oft besuchten Freier die stattliche Fanny; schon auf dem kleinen Dorfbahnhof fielen sie ihrer Lackschuhe wegen dem Inspektor auf. Eine Kamille trug Herr Emil im Knopfloch. »Und grossstädtische karierte Beinkleider und eine neumodische Krawatte.« Aber der Schwester Gesicht sah ganz sauerrot aus wie die letzte saure Kirsche am Saurenkirschbaum. Arthur war nämlich zugegen, wie sich beide verabschiedeten. Er stotterte ja und sein Unterkiefer klappte auf und zu. Die vierzehnjährige Rosa kam hinzu und erbarmte sich seiner, denn sie brachte ihm ein Glas Tokayer. Es war zum Totlachen, wie er aus der Haustür schwankte in Elieschens Arme. Und sie stellte auch bei diesem Manne fest, er sei zu wissenschaftlich für ihre äusserliche älteste Schwester Fanny. Arthur und der August und der Willy hörten all den gelehrten Unsinn den die Beiden dann besprachen. Am Abend beim Griesbrei nahm sich Arthur Aronimus vor, er würde mal seine Schwester Lenchen heiraten, damit sie nicht an einen gelehrten Mann gerate und er schenkte ihr zu ihrem Geburtstag von seinen gesparten Pfennigen eine Porzellanpuppe und bedauerte, [13] da sie nackt zur Welt gekommen sei. Eine ganze Reihe davon standen im kleinen Schaufenster frierend zwischen Strohkörbchen mit Aniskügelchen beim Krämer zum Kauf ausgestellt. Am Heiligen Abend vor Weihnachten kam eine Frau in nagelneuer weiten Schürze in das Haus meiner Grosseltern. Die überbrachte einen Brief des Herrn Pfarrers, der eine Bitte enthielt. Mein kleiner strahlender Papa sollte zur Bescherung ins Pfarrhaus kommen. Jedes Wort des freundlichen Schreibens wurde mit der Familie Paderstein geprüft und erwogen. Man kam zum Ergebnis des jungen liebenswürdigen Pfarrers Einladung zu akzeptieren, ihn nicht mit einer Absage zu beleidigen, der katholischen Welt keine Veranlassung zu einem Aergernis zu geben, etwa – ein Pogrom heraufzubeschwören. Mit dem Lehm an seinen derben Stiefeln wäre der Arthur Aronimus einfach am Weihnachtsabend ins Pfarrhaus gerannt, sich ausmalend die Geschenke, die seiner erwarteten. Am Zipfel des Kittels ergriff ihn noch rechtzeitig seine erschrockene Mama im Flur des grossen Gutshauses, säuberte ihn selbst, zog ihm die braunen gestreiften Samthöschen an und steckte zur Vorsicht zwei grosse Taschentücher in seine Taschen – und einen blendend weissen Kragen legte sie um sein ungeduldiges Hälschen, befestigte die Enden miteinander mit einer rosa Rosette, die sich eine der Schwestern von einem Hausierer gekauft hatte. »Ich bin doch ein Junge, Mutter!!« Auch musste er sich die Zähne schon zum zweiten Male »heute« putzen und er gurgelte danach vor Wut mit den Pfefferminzpasta gesprengten Wasser, dass das stille Lenchen vor Vergnügen einen Purzelbaum auf dem bunten Teppich schlug. Nur ihr werde er mitgeben von den Zuckersachen, die er beschert bekomme. Er konnte ja überhaupt, fiel ihm ein, nicht begreifen, dass darum, weil [14] sie Juden waren, nicht Weihnachten in ihrem Hause gefeiert wurde. Er sauste die breiten Stufen der Treppe des Elternhauses herunter. Punkt 5 Uhr stand er vor dem gelben Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer guckte aus dem Fenster und der Arthur brauchte gar nicht erst die Schelle ziehen. Als er an seiner Hand die glitzernde Stube betrat, knieten noch die beiden kleinen Nichten des jungen Priesters in der Nische vor Herrn Jesus am Kreuze. Blumen standen neben ihm auf einem Eckbrett und davor brannte eine grosse Kerze. Die letzten Worte vom Vaterunser hatte Arthur Aronimus noch vernommen; ihm war unheimlich – aber er brauchte ja nicht weiter hingucken. Der fröhliche Geistliche bewunderte in der Zeit seine gute Kinderstube, wie geziemend der wilde Junge in angemessener Entfernung in der Pfarrstube nun den leuchtenden Tannenbaum betrachtete. – Sie tranken Schokolade in ganz grossen Tassen mit Zuckerzwiebäcken. Aus der grössten Tasse trank der liebe Pfarrer Bernard. Auf der war was geschrieben. Neben ihm sass Narzissa. Sie trug ein blaues Band im Haar und hatte blaue Ohrringe in den Ohren. Und die Ursula rückte ganz nah an ihn heran, um zu sehen, wer von ihnen beiden schneller ausgetrunken habe. Dann führte Bernard die Kinder an den mit Geschenken bedeckten Tisch. Darauf standen neben einander zwei Puppenstuben, ein Wohnzimmer und eine Küche und für ihn auf dem weissgescheuerten Fussboden ein Schaukelpferd!! Am liebsten wäre er dem Onkel Bernard, wie ihn seine kleinen Nichten nannten, direkt um den Hals gefallen. Aber die beiden fingen an zu singen in Begleitung des Herrn Pfarrers: »Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht ....« Er schämte sich mitzusummen, aber als das Lied beendet war, hatte er auch seine Schüchternheit überwunden und es [15] bedurfte keiner Aufforderung, mitzutun. Er sang: »O Tannenbaum, o Tannenbaum! o, o, Tannenbaum! Wie schön sind Deine Blätter. Du grünst nicht nur zur Winterszeit, nein, auch im Sommer, wenn es schneit .....« Er sang es viel besser als der August Setzdich und der Willy Himmel, die das Lied schon acht Tage lang, wo sie auch gingen und standen, den Leuten in die Ohren quietschten. Und er durfte sich mit den kleinen Nichten des lieben Pfarrers vergoldete Aepfel und Nüsse und das leckere Spekulatius pflücken von den Zweigen des Weihnachtsbaums. Auf einmal bog die kleine Ursula heimlich einen der Zweige zu sich herab, sich die prachtvolle rote Glasschaumkugel zu stiebitzen, als sie schon einen kleinen Klaps weghatte, von ihrem Onkel Bernard und er sie rügte: »Du willst doch nicht etwa ein kleines Judenmädchen werden?« An diesen ebenso taktlosen wie unbesonnenen und sündigen seines Mundes entschlüpften Worten litt der Priester eigentlich sein fernes Leben lang. Aus welcher verebbten entrauschter Quelle, grübelte er noch nach Jahren reuevoll nach, die giftige Muschel an den Strand seiner Lippen gerade in der Weihnacht gekommen war? Selbst seinem Heiland vermochte er nicht Rechenschaft darüber zu geben, er hatte den Jungen lieb, er musste sich gestehen, am liebsten auf der Welt.

[16] Bernard! nannte ihn der kleine Arthur ganz einfach in seinem Spielzimmer, wenn er ihm eine neue Kirche baute mit vielen vielen Türmen. Gerade dieses Gotteshaus aus Bauklötzen, das sich der junge Priester anschaute, umgeben von den kleinen Geschwistern Arthurs und angeschwärmt von seinen älteren Schwestern, verband ihn nur noch stärker mit dem kleinen Baumeister. Gerade diesen wertvollen kleinen Menschen tödlich ins Herz getroffen zu haben, überwältigte ihn.

Sein kleiner Freund wollte plötzlich fort. Der Situation zu entkommen, schwang er sich entschlossen auf den hölzernen Rappen, spornte ihn an und ritt im Gallopp trotzig ohne sich weiter umzudrehen, in die weite Welt. Aber Bernard hob den stolzen Reiter noch frühzeitig aus dem Sattel. Er küsste ihn auf den Mund. Den zarten Wachsengel holte er ihm auf einer Leiter stehend aus Weihnachtssilberflittergewölb aus der Krone des hohen Baumes – für sein Schwesterchen Lenchen. – Mit ihm trat Arthur in sein Elternhaus. Er wusste nun ganz genau, warum Vater und Mutter nicht Weihnachten feierten und er keine Präsente bekam und seine Geschwister. Auch die Padersteins keinen Baum kauften auf dem Markt, wo noch Tannenzweige herumlagen und allerlei zertretener Baumschmuck. Die Gedanken hinter seiner Kinderstirn, die sonst unbekümmert herumtummelten, hatten alle auf einmal pechschwarze feierliche Röcke an und konnten sich nur noch mühevoll tragen, wie der arme Hausierer aus Galizien – mit den Locken an den beiden Seiten – hingen sie »nebe sei Äugen« unter dem flachen Hut an den Ohren herunter. Ja, er war ihm auf einmal gut. Wie kam das? Denn er pflegte ihn doch immer auszulachen mit August und Willy. Und er heuchelte und log zum ersten Male im Leben, da er lachend seiner Mama um [17] den Hals fiel und im Herzen bitterlich weinte. Nachts träumte er von der Stadt Paderborn, wo sein Grossvater-Rabbuni gelebt hatte. Dem vertraute er sich im Traume an. Sie gingen beide durch die alten Strassen der alten Kaplanstadt. Manchmal gebeugt, manchmal machten sie sich ganz dünn, schoben, wie seine beiden Hände durch die schmalen Häuserreihen, aus bemalten Klötzen erbaut: Fronten ohne innere Räume, eine an die andere gereiht. Wenn der Grossvater mit ihm durch eine der Haustüren im Begriff war zu schreiten, fielen sie, plumps! in ein weites Loch – und die vielen Giebelnasen, die ihnen Fratzen zuschnitten und spitzen Türmchen, die ihnen auf die Köpfe fielen! Als er aufwachte, sassen seine Schwestern im Kreis, um sein schlichtes Bettchen und er musste ihnen von gestern Heiligen Abend vom »schönen« Pfarrer erzählen. Fanny und Rosa haben es nicht erwarten können; selbst Ernestine und das gelehrte Elieschen nicht. Um keinen Grund zu Streitigkeiten zu verursachen unter ihren Töchtern, übergab Frau Gutsbesitzer Schüler den Strauss in der rauschenden Papiermanschette gehüllt, dem Gärtner zurück. Er sollte ihn dem Pfarrer zum Weihnachtsgruss von der Familie Schüler feierlichst überbringen. Kurz nach dem Feste der Christen verlobte sich Fanny, die älteste Tochter. Die Eltern waren einverstanden mit ihrer Wahl. Und ihre Freundinnen bewunderten ihren geschmackvollen Verlobungsring mit dem grossen Granat in der Mitte. Ernestine erhielt von meinen Grosseltern einen Nerzkragen zur Entschädigung, Elieschen einen Bücherschrank aus Rosenholz und Rosamunde eine kleine perlenbestickte Pellerine. Das arme Mädchen, es konnte nicht mehr ruhig auf einem Stuhl sitzen, es hatte den Veitstanz. Der Doktor zwar meinte das käme in den Jahren öfters vor und verschrieb ihr Baldriantropfen dreimal [18] täglich und einen besänftigenden Tee aus Lindenblüten, Fenchel und Kamille. Sie war überhaupt so komisch geworden die Rosamunde, verglotzte die Augen und betete die halbe Nacht. Immer begann sie von neuem wieder zu flehen, im Glauben irgend einen der Geschwister zu nennen vergessen zu haben. Auch litt sie an fixen Ideen, schnappte Arthur Aronimus einmal auf von dem älteren Bruder. Immer bückte sie sich, eins, zwei, dreimal mit ihrem wackelnden Körper, bevor sie auf der Wiese, im Garten ein Gänseblümchen oder eine Butterblume abpflückte. Elieschen nahm Rosa ins Gebet. Die beichtete ihr, wenn sie sich nicht dreimal bücke, bevor sie eine Blume abbreche, würde Alex sterben. Elieschen erklärte ihr genau wie ein Doktor der Medizin den wahnsinnigen Aberglauben ihrer wahnsinnigen Handlungen und trieb ihr zu guterletzt mit einer Ohrfeige den Teufel aus. In Paderborn wars an der Tagesordnung, Teufel auszutreiben. Hexen wurden verbrannt oder eingemauert. Der Veitstanz war ein von Dämonen besessenes Geschöpf. Darum durfte sich Rosa nicht mehr, selbst im eigenen Garten sehen lassen; andauernd passierten ihn die Einwohner Gäseckes. Schon viel zu viele hatten sie beobachtet, wie sie hin und her tanzte. Ernstlich fragte man die Dienstboten bis zur Melkerin und Kuhhirten des Gutshauses, ob die Rosa wirklich Glas ässe und Feuer schlucke? Und sie fürchteten sich schliesslich vor dem bösen Blick des armen gutherzigen Mädchens. Zu spät kam es den erschrockenen Eltern zu Ohren, dass ihr Kind denunziiert worden sei; und zwar von gehässigen Neidern, gerade von Leuten, die sich das Fallobst aus den Rasen in ihrem Gutsgarten sammeln durften. Die Leute in Gäsecke freuten sich schon auf die weihnachtliche Sensation, auf Rosa auf dem Scheiterhaufen!! .... Erst eine einzige [19] Hexe hatten sie verbrennen sehen nicht weit von ihrer Heimat. Den Heiligen Abend hörte man schon singen in nicht zu weiter Ferne und man war noch im trauernden Gutshause zu keinem annehmbaren Resultat gelangt; weder der Vater noch die Mutter, noch Padersteins ihre befreundete Familie, auch Verwandte die man benachrichtigt hatte und herbeigeeilt waren. Gemeinsam überlegten sie bis tief in den Nächten im verhangenen Wohngemach der Grosseltern, als zum ersten Mal – ungerufen – der junge Pfarrer sich melden liess, das weite Gutshaus meiner Grosseltern betrat. Wie ein junger Georgsritter, selbstherrlich schritt er, gerüstet in geistlichem Stahl, die hohe Freitreppe empor. Arthur hatte ihn von des Daches Zinne aus kommen sehen und lauschte durch das Schlüsselloch der noch abfärbenden neu angestrichenen Doppeltüre, die in den geselligen Raum führte. Die olle Paderstein sass neben der Mutter auf dem Canapee und räusperte sich ab und zu. Und ihr fetter Truthahn stolzierte auf und ab am Kamin und blähte sich auf, als ob er ein Ei legen wolle. Der bunte Zipfel seines grossen Schnupftuches hing wieder aus seiner Buchsentasche im hohen Bogen über den Podachs. Dem kam es ja im Grunde nur darauf an, von den guten Zigarren seines Herrn Vaters zu rauchen und seine zu sparen; darin hatte Simeon ganz recht. Endlich erkannte Arthur Aronimus des lieben Pfarrers ermunternde Stimme durch die gleichmässige Litanei der beratenden Eltern und Verwandten. So feierlich kam ihm die plötzliche unterbrechende Stimme seines Bernards vor, genau wie er Sonntags so hell zu reden pflegte, auf dem Spaziergang mit ihm nach der Predigt. Ja, er läutete geradezu heute. Es ging immer bimbam, bimbam, bimbam, bis er zu seinem Vater sagte: »Lassen Sie Ihren Sohn Arthur Aronimus im katholischen Glauben erziehen. Mit diesem demütigen Entgegenkommen in Jesu geheiligten [20] Namen, brechen Sie einfürallemal, betonte er, jeder Gefahr, die ihrer Tochter Rosa dräut, die Spitze ab.« Arthurs verängstigte gequälte Mutter, beinahe schon einverstanden, fiel der Vater, sich feierlich erhebend, mitten ins Wort: »Herr Pfarrer«, antwortete er mit einer Zuvorkommenheit und mit einer Hoheit in der Gebärde wie ihn hat Arthur im Leben noch nie einen Menschen antworten hören bisher. Aber auch die bebende Mutter noch nicht, die es später ihren Kindern verriet, »Herr Pfarrer, gestatten Sie mir, Ihnen für Ihren ebenso vortrefflichen wie gutgemeinten Vorschlag unsern Dank auszusprechen, leider aber zwingen mich folgende edle Umstände der dräuenden Gefahr gefasst, im Vertrauen auf Gott dem Allmächtigen, ins Auge zu sehen. Ich, wie mein Vater noch meines Vaters Väter und dessen Väter Väter Väter pflegten auf direktem Wege zu Gott zu gelangen – und ich sollte meinen noch unmündigen Sohn, dem Sohne Gottes zuführen lassen auf Umwegen?« Arthur bemerkte ganz genau, wie sich der Papa zu seiner Mama neigte, sie auf die Stirne küsste. Das war gewiss das Werk der Nächstenliebe, von dem so oft der Bernard sprach; denn so was Liebes einer zum andern hatte er noch nie erlebt. Und die Padersteins beide heulten ja und der Bernard war auf einmal gar nicht mehr in der Wohnstube. Aber er holte ihn ein auf dem Heimweg zum Pfarrhaus und drückte ihm unversehens sein Metallpfeifchen, dessen schriller Ton die Einwohner aufschreckte, seinen Talisman, in die herabhängende Hand. Genau wie im Weihnachtszimmer im Rahmen der Mönch, sah der liebe Herr Pfarrer aus; ihm war auch gewiss ein Engel erschienen, vielleicht [21] der Schutzengel der Kinder in seinem Elternhause, von dem die Mutter ihm so oft erzählt. Die wusste selbst nicht, aus welchem Grunde sie plötzlich aufatmete und auch der Vater fühlte sich wie befreit, vielleicht auch die beiden Padersteine. Ihr langer Sohn Hugo war gekommen und sie verliessen die gute Stube und setzten sich in den gemeinschaftlichen Essraum an den grossen Eichentisch. Wie der Vater heute Abend aussah, dachte sich ähnlich der Arthur den Erzvater Jakob. Dabei hatte der nur 12 Söhne gehabt und sein Vater fast zwei Dutzend Kinder. Unter ihnen sogar Töchter. Die kamen ihm vor – in seiner Müdigkeit – alle wie rosa Rosetten zwischen den Schultern seiner Brüder. Und sein Vater erwählte einige von ihnen zu Kundschaftern – zunächst den ältesten ruhigen Sohn Menachem-Heinrich und Berthold-Jonatan und unter den Töchtern Fanny Debora, Ernestine-Lea und das Elieschen .... Und Padersteins »langen Hugo«! – Und sie sich aufmachen sollten – Die machten sich auf, schritten behutsam durch die dunklen Dorfgassen Gäseckes und schlichen um das kleine friedliche Pfarrhaus des jungen Pfarrers wie Spürhunde und Hündinnen. Eine kleine Petroleumlampe brannte auf seinem Tisch, der lange Hugo von Padersteins bemerkte wie er einen grossen Schreibebogen faltete, ihn in ein Couvert steckte und ordnungsgemäss versiegelte. [22] »Es war eine gewichtige Urkunde«! – Beteuerte Hugo Paderstein immer wieder den aufhorchenden Geschwistern; doch im Nu sprangen sie alle auf einmal über die Rosenhecke sich zu verstecken hinter der Rückseite des kleinen gelben Gebäudes. Elieschen ließ ihr halbes Beinkleid in den Dornen zurück. Seinen schwarzen Kragen hatte der entschlossene Pfarrer sich schon um die Schultern gelegt und war im Begriff seine Pfarre zu verlassen; der Postillion tutete schon wiederholt durch sein verstimmtes Horn .... Wenn auch Tage, die nicht enden, und Nächte, die nicht schlafen konnten, dem denkwürdigen Abend im Elternhause [– – –] [**] folgten, so waren dennoch seine Eltern überzeugt von seinem guten Resultat. Und doch wohl schon das hundertste Mal, da die liebe Mutter, beobachtete ihr Arthur, kopfschüttelnd aber heimlich, sehr tief seufzte, ähnlich wie die schneeweiße Kuh der man ihr Kälbchen genommen hatte.

[23] Doch die ältesten Brüder erwogen so mancherlei: Julius dicke Augen kugelten manchmal über die Seiten im Werke des Altmeisters. Aber er hatte eine Idee: Der Vater tue gut dem Kloster der Heiligen Veronika auf der Anhöhe vor Paderborn ein Geldpresent zu frommen Zwecken zu stiften. Nicht ohne dachte der Vater. Man las seine Zustimmung im erwägendem Ausdruck seiner Mienen. Doch Simeon erhob sich unwirsch [***] protestierte entschieden dagegen und beeinflußte das Urteil der anderen großen Geschwister. – Fannys Hochzeit wurde verschoben; »Willst Du etwa«, rügte der Vater sie, »Hochzeit feiern in einem Trauerhause, Mädchen«? Fanny wurmte sich und doch fühlte sie sich als schöne Märtyrerin. Ernestine strickte nachdenklich schon Wochen an ein und demselben Strumpf, ohne es zu bemerken – für sie hing der Schwester Scheiterhaufen noch sehr in der Schwebe. Vorigen Sonntag hatte sie sich Rosas perlengestickte Pellerine seufzend um die Schulter gelegt, spät unter dem Vollmond Atem zu holen. Elieschen saß in der Zeit an Rosas [24] geblümtem Himmelbett. Die kranke Schwester fürchtete sich nämlich vor Gespenstern. Dann kam aus Lippstadt die große Kapazität – »ein Professor über 250 unheilbare Kranke« ..... Erzählte Arthur Aronimus und sein geistlicher Freund schlug staunend die Hände zusammen und beteuerte wichtig: »Na, der wird sicher Deine Schwester Rosa curieren!« – Mit leuchtenden Kornblumenaugen betrat der Pfarrer Bernard verheißungsvoll das weite Heim seines kleinen Spielgefährten und traf die Familie Schüler nebst Kinder und Freunde wieder in der Wohnstube versammelt. Den ältesten verheirateten Sohn riefen Pflichten daheim zurück und Simeon und Julius’ Semester hatten begonnen in der Universität der Reichshauptstadt. [25] Fannys Bräutigam wollte auch nicht länger warten; in der kleinen Synagoge wurden sie getraut und fuhren dann den Rhein herunter bis Aachen. Dort beabsichtigten sie das Schloß Kaiser Karls zu besichtigen. Die große Fanny hatte Angst gekriegt plötzlich vor der Hochzeitsreise und Max und Lenchen sollten mit, erzählte Aronimus, Süßholz kauend, dem Willy und dem August: »Eck mach meck jo nömmes aus däm langweeligen Rhein, wenns noch Regensburg am Regen wär! So een Städtken hätt eck meck gern ens angegickt.« – Anwesend waren also noch neunzehn leibliche Kinder und dazu ein Enkel: Der neunjährige Oskar, der älteste Sohn Menachems, der Neffe des ein Jahr jüngeren Aronimus; außerdem [26] der lange Hugo, Padersteins hoffnungsvolles Riesenfrüchtchen und der neue Volontär des Gutes: Herr Filligrand. Er pflegte immer seinen Namen französisch durch die Nase zu ziehen. – Und es erhoben sich der Herr Vater und die Frau Mutter mit den Kindern und Gästen zu gleicher Zeit, als der Pfarrer freudig erregt im Rahmen der Thür erschien. Arthur Aronimus’ bebende Mama ließ den großen Löffel, mit dem sie im Begriff war eine Anzahl Gläser mit Limonade zu füllen, wie einen silbernen Fisch in die gläserne Terrine plumpsen. Aber der Vater nahm die gewichtige Rolle mit beherrschter, verhaltener Freude aus den Händen des hohen Boten und Aronimus Arthur staunte, wie der »Vatter« sich auch in freudigen Augenblicken [27] zu zügeln verstand. Aber dann schimmerten große Wassertropfen in seinen kühlen Augen und überzogen sie mit Sonne. »Frau Mutter lesen Sie, lesen Sie.« Er nannte die Mutter immer: »Sie« bei feierlichen Anlässen. »Lesen Sie!!« Aber der Mutter zitternde Hände vermochten die beglückende Kunde nicht ruhig zu halten und die neunzehn noch anwesenden Kinder, unter ihnen die vierjährigen Zwillinge: Käthchen, konnten doch auf einmal lesen – standen um Vaters und Mutters Schoß und entzifferten klipp und klar, was der Bischof aus Paderborn, »eigenhändig«, betonte Bernard geruhte der Christenheit zu verkünden. Jeder Satz begann mit einem ganz groß gemalten Buchstaben und endigte mit einem Punkt wie ein Kreis so rund. [28] Erst beim krächzenden Kikerikih erwachte mein kleiner Papa. Seine Geschwister bis zur allerallerkleinsten Schwester standen schon zum Aufbruch bereit an der Gartenpforte. Und er selbst hätte doch beinahe nicht mehr daran gedacht, daß sein Bernard der Gemeinde Gäseckes und den benachbarten Dörfern und Flecken den Hirtenbrief seines Bischofs – – – vielleicht – schon angefangen habe – – vorzulesen? In die unmodernen Buchsenbeine seines Neffen Oskars, stieg er irrtümlich in der Eile und wieder gings über die Rutschbahn des Treppengeländers, verflucht und tugenäht!! Im Galopp per pedes zum katholischen Marktplatz. Gerade trat sein großer Freund aus der kleinen alten Kirchentür, verharrte sinnend [29] auf der obersten Stufe der grauen morschen Steintreppe, in der Hand das kostbare Schreiben des hohen Hirten an seine Schafe. Er schwang die gewichtige Rolle mit besonderer Wucht über die Köpfe seiner Heerde, die sich auf sein Geheiß versammelte schon im Frühgeläute. Mein kleiner Papa angerast, bemerkte seine Eltern Hand in Hand bange lauschend hinter einer der Obstbuden, die schon aufgestellt wurden immer den Tag vorher für den Mittwochmarkt. Der Vater trug seinen grauen Bratenrock und die noch hellgrauere Samtweste und sein braungestreiftes Sabbattuch um den hohen Kragen gebunden; und den vornehmen grauen Zylinder hatte er sich aufgesetzt und die [30] Mutter sich ihren Samtüberwurf angezogen mit den langen Fransen. Noch bevor Bernard die lange Predigt aufrollte, blitzte es auf einmal aus der dunklen kalten Novemberwolke so unheimlich und unerwartet – selbst der Gendarms fürchtete sich. Und der Herr Pfarrer deutete den erschrockenen, abergläubigen Leuten das Naturereigniß, wie der Bruder Julius später erklärte, geradezu – monumental! Niemand der Versammelten zweifelte, daß der Himmel sich mit seiner Gnaden dem Bischof verbündet habe und aus dem Munde des hohen Hirten spreche. Arthur und seine Freunde hatten zwar verstanden, daß der Bischof aus dem Munde des Himmels zu seinen Schafen geredet habe und sie ermahnte mit einem Donnerschlag. [31] »Ich grüße Euch mit sorgendem Herzen im Namen Jesu Christo, meine irregeleiteten vom Wege geratenen Schafe und ermahne Euch Vernunft anzunehmen und nicht weiter zu verharren in Eurer Sünde Aberglauben. Noch ist es Zeit« – las Bernard und blickte über die vielen erhobenen Köpfe; »noch ist es Zeit zur Reue und Buße meine armen Kinder um deren Seelenheil, Ich« schreibt der Bischof, »unablässig schwerste Sorge und Verantwortung im Herzen trage. Wehe Euch, im Namen Jesu Christo ferner Eure böse Lust zu stillen am Feuertode an Schwestern unseres lieben seligmachenden, katholischen Glaubens und an Schwestern aus dem alten Hause Israels. Vergesset nicht in Eurem schwarzen Hasse, daß unser Heiland Jesus Christus [32] selbst ein Jude war, dem Blute Davids entstammte. Mit tausend Zungen werde ich dem Himmel jedes Frevlers Sünde verkünden und seine Seele brate bis zum jüngsten Tag!!! Darum kehret in Euch Ihr schwarzgewordenen Schafe. Lasset ab! Lasset ab! Zum dritten Mal: Lasset ab von der Sünde um Jesu Christo willen unserem Herrn!!

Et vos igitur nunc quidem Tristitiam habetis, iterum autem videbo vos et gaudebit cor vestrum: et gaudium vestrum nemo tollet a vobis.«

Und schon blitzte es wieder so hell von allen Seiten bis der ganze katholische Kirchplatz im bengalischen Fegefeuer stand. Und die ermahnten bebenden Menschen [33] sanken in ihre Knie, auch Arthurs Mutter in ihrem weiten Reifrock. Nur der Vater stand aufrecht, aber er wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn.

Auf den Wiesen blühten wieder die duftenden Märzveilchen; die Kinder pflückten die Lieblingsblumen ihres Vaters und stellten sie ihm in ein Glas auf seinen Schreibpult. Er pflegte seinen Söhnen und Töchtern, seitdem ihm der Allmächtige [Davidstern] so gütig beigestanden hatte, des öfteren, Kapitel aus der Biblischen Geschichte vorzulesen. So schön und spannend wie der Großvater-Rabbuni zu erzählen verstand, dachte Arthur, kann der Vater es nicht. Dieses Jahr fiel auf den 28. März das Ostern der Juden; und in der Speisekammer, auch schon im Büffet lagen Paquete mit ungesäuertem Brot. [34] Die liebe Mutter hatte ihrem Aronimus schon im Voraus so einen schmackhaften runden Mehlkuchen mit Honig bestrichen, zum Knuspern heimlich am Morgen mit auf den Schulweg gegeben. Seitdem stand er immer so etwas verlegen neben dem großen Speiseschrank und schielte abwechselnd auf die Mutter und auf die verschlossene Lade. Der Auszug der Kinder Israels aus Egypten imponierte ihm gewaltig und er konnte den Abend vor dem Ostertag kaum erwarten. »Morgen ist Jüdisch-Ostern« vertraute er seinen beiden kleinen Schulkameraden an. Die neckten ihn nicht mehr deswegen, da sie wußten, daß der ehemalige Pfarrer Bernard dieses Brot auch nicht verachtete. Seiner Gnaden der Bischof hatte ihn längst an den Dom von Paderborn gerufen. Und schon ein Jahr [35] lebte der junge Geistliche fern von Hexengäseckes blumigen Pfaden hinter allen Tierhecken weißen und roten. Doch ein Handwerksbursche, ein gebürtiger Gäseckeaner, behauptete felsenfest, den Pfarrer in Rom im Sankt Petri gesehen zu haben. Neben dem Papst habe er gesessen und – Bernard würde sein Nachfolger werden. Aber der reiste mit seinem Bischof ein wenig durch die Städte und Dörfer Westfalens, die Gemeinden zu besuchen, Ämter zu verteilen und Anerkennungen, aber auch die Reichen zu ermahnen und – »Zeit wird es«, betonte der Bischof, »den Aberglauben endlich mit der Wurzel auszurotten.« – Die Großmama saß am hohen Bogenfenster und nähte Hemdchen und Höschen für ihre Kleinsten; flickte die vielen Löcher in den Hosen der Jungens, und im Korb neben ihr [36] lagen unzählige buntgeringelte Strümpfe. Sie bemerkte zwei große Gestalten durch das Tor in den Garten schreiten; schon dämmerte der Vorabend des jubelnden Pesahfestes. [Davidstern] – Die Kinder spielten noch mit den Jungens und Mädchen des Dorfes in ihrem großen Garten. Sie legten Reisige übereinander und fluchten und speihten aus wie die Fuhrleute Westfalens. Den Zaun entlang tanzte der kleine Arthur Aronimus mit Händen und Füßen wie die krank gewesene Schwester Rosa. Er hatte sich in eines ihrer Kleider heimlich gesteckt und ihren Hut trug er mit dem Kleeblumenkranz und den langen Samtbändern. Der Bischof und sein junger Begleiter hielten sich hinter den graugewordenen Herbsthaaren der Weide verborgen, beobachteten so das Spiel der Kinder. »Wie die Alten gesungen, [37] so zwitschern die Jungen«. Der Oskar versicherte den Spielgefährten, der Aronimus sein Neffe verstehe am interessantesten die Hexe zu spielen. Er selbst trug eine Schnur um den Leib geschlungen und an der hing ein Kreuz aus Stengeln des Hagebuttenstrauchs gebogen; eine zerquetschte klebte noch am weichen Holz, ein Tropfen geronnenes Rosenblut. Und nachdem die Schaar der Henker die Rosa an die Brandstätte gezerrt hatte, tanzten sie um ihr Opfer einen Teufelsreigen: »Ine wine wink pank, tink tank, ose wose wacker dier, eier weier weg«! Vorher aber hielt der finstere achtjährige Mönch der bösen Hexe sein großes Kreuz zum Kusse dar und geleitete nach der üblichen Weihe die Büsserin auf den letzten Weg zum Scheiterhaufen. Ihn anzuzünden traute sich keines der Kinder. Der heulenden Hexe [38] aber, dem dampfenden Arthur Aronimus wurde das Spiel mit dem Feuer scheints etwas zu heiß und er – setzte mit einem kühnen Sprung über die Köpfe der schmähenden Spielgefährten – und nun begann erst das richtige Vergnügen, los im Galopp über die Rasen, über die herbstlichen Beete mit einem Getöse der stampfenden, nägelbeschlagenen Kinderstiefeletten, daß die Katzen aus den Kellerlöchern gelaufen kamen. Ein Glück, da der Herr Vater mit dem Herrn Apotheker im kleinen Bahnhofsraum saßen und Lotto spielten. »Vor dem Vater hat er große Angst«, flüsterte Bernard dem Bischof ins Ohr, »aber Zeit wird es wahrlich, daß Euer Gnaden aufräumen werden«. Der war allerdings heute selbst Augenzeuge des grotesken Schauspiels – in miniatur gewesen. [39] Und nur das ungestüme Lachen der unschuldigen Kinder, hinderte Seiner Gnaden den Ernst des kindlichen Spieles zu erfassen. Solch einen Spaß wie heute hatte die Schaar bisher noch nicht erlebt. Ihr junges Tausendlachen wirkte ansteckend und setzte das Zwergfell des Bischofs in stürmische Bewegung. Sich am Arme Bernards festhaltend trat der hohe geistliche Herr zwischen den Ästen des gottalten Baumes hervor. »Na na na na na, mein lieber gestrenger Sohn in Christo, Euer Bischof ist nie ein Lachverächter gewesen, darum verzeihet Ihm, Eurem alten geistlichen Bruder, daß er mittat, zumal aus dem Herzen des Kindes des Lachens Quell’ entspringt – und – wer weiß, wie bitter sie einmal mündet.« Das war so recht sein wunderbarer Bischof, [40] dachte Bernard und er hätte ihn am liebsten für seine weisen, jovialen Worte umarmt, aber »die Blagen«, wie man im Rhein und Westfalenlande die Kinder zu nennen pflegt, mußte er seinem Bischof dem größten Kinde, alle herbeiholen. Seine liebe Not hatte er, die temperamentvolle Hexe Rosa einzufangen, seinen Wildfang von Freund den kleinen Arthur Aronimus. Auf den Armen lebendig aber brachte er ihn Seiner Gnaden Benediktus. – Schon watschelten die Mägde des Gutshauses, von Frau Schüler gesandt, herbei, zu spähen, wer die beeden verspäteten fremden Statüen seien, die bie Neit on Näbel seck in den Gutsgarten verirrt tu haben schienen? Und die Kinder schleppten sie einfach auf ihren [41] Schultern aufgeladen wie Fuhren ins Haus. »Gebaden müssen die Ferkels werden, om schmuck teiltunähmen am hütigen Pesahowend.« Aber als die Mutter vernahm, der Herr Pfarrer sei gekommen mit seinem Bischof aus Paderborn, eilte sie wacker selbst aus dem Hause über die Kieswege, denn sie war noch schlank und wohlgebaut und behende. – Auf den gestickten Vaterstuhl saß heute Abend Seiner Gnaden Benediktus und neben ihm der »liebe Bernard«. Dann kam der strahlende Arthur Aronimus, dann kam Rosa, sie schien anmutiger wie vor ihrer Mädchen Krankheit. Dann kam Berthold der schwärmerische Jüngling. Dann kam Elieschen, dann kam Julius, neben ihm saß Ernestine und neben Ernestine nahm ihr frischgebackener Bräutigam, Herr Provisor aus Elberfeld im Wupperthale, Platz. [42] Anfänglich mekkerten seine Eltern gegen seine Wahl, denn Engelhard entstammte einer lutherischen Mukkerfamilie; und da Ernestine, ihres Vaters Lieblingstochter, die überhaupt für die Pharmacie ein Faible besass, sich nun auch noch zu den Händen die Augen rot weinte, entschloss sich Herr Schüler dem jungen christlichen Freier eine Apotheke zu kaufen. Seitdem stand Tinchen im bekränzten Rahmen auf der Kommode ihrer zukünftigen Schwiegereltern. An der rechten Seite des Bräutigams saß heute das kleine Lenchen. Manchmal streifte des Bischofs Auge das zarte stille Mädchen besonders zärtlich. Es erinnerte ihn an sein Schwesterlein [Davidstern] Hellene, der jetzigen Äbtistin des Klosters bei Schwelm. Dann kamen [43] die beiden Käthchen. Sie saßen nebeneinandergeschmiegt, als sie zusammengewachsen seien und aus einem Herzen pochten; hatten beide braunes Lockenhaar und führten immer zu gleicher Zeit den Löffel oder die Gabel in den Kirschenmund. Und dann kam .... Judith, Johanna, Eugenie, Luise, Fritzchen, die Grete, Elfriede und neben ihr: Titi, von der Mutter so gerufen; und neben Titi: Albert, Edmund, Alfons, Ludwig, Emmi, der Simeon, Hedwig, Paula und Eleonore nach Bürgers Sang: Eleonore fuhr ums Morgenrot – benamet. Und der leidende, liebe Alex [Davidstern] saß wie immer neben seinem Vater im Krankenstuhl. Dem gegenüber die Söhne seines spanischen Schulfreundes di Castro, der ermordet wurde vor einigen Jahren in Zaragossa [44] in der Synagoge im Gebet. – Der Oskar ließ keinen Blick von Bernard seinem Bischof. Dem kleinen Onkel Arthur Aronimus war das geradezu – unangenehm! Daß dieses verkleidete, fanatische Knäblein in der Kutte einmal von seinem herzlieben Freund dem getauften Cardinal Paulus Cassel getauft werden könne, der weiland empfing die heilige Taufe von dem getauften heiligen Franziskanermönch Paulus Cassel, kam Seiner Gnaden nicht im Entferntesten in den Sinn. – – Der vermißte Max schlich plötzlich mit eingezogenen Podex in den weiten Eßraum. Geweint hatte er, denn den mit Mühe gezeichneten Kalbskopf im Sand hatten die Kinder beim Spielen verrammelt. Der Vater steckte ihm einen Louisdor in die kleine Höschentasche. – Sympatisch berührte es Seiner Gnaden, daß die Ärmsten der jüdischen Gemeinde, sieben Israelitten [45] geladen waren am Ostermahle teilzunehmen, und Vater Schüler und seine liebreiche Gattin in taktvollster Weise sich gerade um diese Gäste zu bemühen schienen. »Hier unser lieber verehrter Gast und Osterbruder: Perlmutter. Er fehlt nie an diesem Abend an unserem Tische. Und Jener, mein Freund«, – der Vater zeigte auf den Hausierer, (den Arthur mit Willy und August noch vor einem Jahr zu verspotten pflegten,) »mein lieber Freund« wiederholte der Vater: »Uriel Zilinsky aus Lemberg«. Der blickte verstört an seinem armen Kaftan auf und nieder. »Und diese wissensbedürftigen beiden Brüder, Siegfried Ostermorgen und Alexander Ostermorgen bitten um Eure Gnaden Fürsprache beim Rektor in Paderborn.« [46] Dem greisen Nachtwächter, der heute bei noch hellem Tageslichte sich schon erhoben hatte, waren scheints die Augen zugefallen, jäh schoß er empor, doch frühzeitig von seinem Platz. Der Vater aber, der das bemerkte, legte seinen Arm um seine schmalen Schultern und meinte, zum Bischof sich neigend, »dieser nimmermüde Schutzpatron von Gäsecke hat viel gewacht und sich darum tief versenken können in das Wort des Herrn.« Das hätte der Großvater-Rabbuni [Davidstern] sagen können ... – und Arthur haßte im Augenblick unbegreiflich seinen gewandten Papa. Und dann kam der geschwätzige Handwerkbursche an die Reihe. Als seinen Schulfreund stellte ihn der Vater dem hohen geistlichen Gast vor: »Nathanael Brennnessel [47] unser unermüdlicher Wanderer.« Heiliger Strohsack, dachte Aronimus und streckte heimlich der Rosa, die seit kurzem gern »erwachsen« spielte, die Zungenspitze heraus. Denn Brennnessel hatte ja – molz – den Bernard schon auf dem Papststuhl sitzen sehen. Neben dem flotten Wanderer, saß dessen jugendlicher Brudersohn, »Josephchen«; der konnte Träume deuten wie Joseph von Egypten. Endlich brachte Christine die dampfende Ostersuppe mit den leckeren Klösskens auf den Tisch und die Eltern bemerkten mit Freuden, daß ihr fürstlicher Gast kein Kostverächter sei. Und Ihm auch das ungesäuerte Brot, im Tropfen Mosel getaucht, vorzüglich mundete. Er bat seinen verehrten Gastgeber, genau wie an jedem vorangegangenen Osterabend die [48] Ceremonie einzuhalten, nicht etwa zu kürzen. Er käme sich sonst wie ein Eindringling vor und er fühle sich doch wie zu Hause. Und in der Zeit, in der der Vater und der Bischof über die Worte der Thora discutierten, die geschrieben wurde von Gottselbst mit Blitz und Donner in Harfenschrift, zeigte Arthur Aronimus, glückselig seinen heimgekehrten Freund wieder bei sich zu haben, ihm den neuen Turm im Spielzimmer, den er aus tausend Klötzen »und 2 halben« und bunten Steinen erbaut hatte. Er wollte doch gerade wieder fluchen, aber Bernard merkte es noch frühzeitig, und er schluckte den kleinen aufdringlichen »Teufel« mit Haut und Haaren herunter. – »Und gehalten wird das Gesetz, erklärte gerade der Vater, als Bernard [49] mit meinem kleinen Papa an der Hand, wieder in die große Essstube eintrat, sorglich wie ein Kind im samtnen Tragkleid und Schellengeschmeide.« [Davidstern] Seiner Gnaden bejahte jedes Wort aufmerksam – des klugen Herrn Vaters meines Vaters Vaters mit wohlwollender Geste und beide Herren kamen darüber ein: Mit einem bischen Liebe gehts schon, daß Jude und Christ ihr Brot gemeinsam in Eintracht brechen – »noch, wenn es ungesäuert gereicht wird« vollendete artig die Mutter meines nun auch schon in Gott ruhenden Vaters: Arthur Aronimus’.

[Davidstern]

(Meiner teuren Mama und meinem geliebten Kinde gewidmet.)

Anmerkungen

[*] Typoskript (= S. 1–23) und Manuskript (= S. 23–49) im Nachlass Else Lasker-Schülers: The National Library of Israel (Jerusalem), Arc. Ms. Var. 501 (Else Lasker-Schüler Archive), File 17:5. 49 Blätter, jeweils 1 S. beschrieben. Erste erhaltene Reinschrift der später Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters betitelten Erzählung. Die Reinschrift dürfte spätestens Anfang 1931 vorgelegen haben. Am 13. Februar 1931 schreibt Else Lasker-Schüler an Ida Bienert: »Ich habe nun Rowohlt als Verleger – zwei neue Bücher kommen zur Welt von mir.« (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky, 11 Bde, Frankfurt am Main [Bd. 11: Berlin] 1996–2010. Hier: Bd. 8: Briefe. 1925–1933, bearbeitet von Sigrid Bauschinger, Frankfurt am Main 2005, S. 266.) Mit dem zweiten Buch ist die Prosa- und Lyriksammlung Konzert gemeint, die 1932 zusammen mit Arthur Aronymus bei Rowohlt in Berlin erschien. – Der ursprüngliche (gestrichene) Titel der Reinschrift lautet: »Weihnachten«. Randbemerkungen Else Lasker-Schülers: Bl. 5r: »Das Original ist in entgültiger Verfassung corregiert von mir«. Bl. 12r: »Rosa will ich anders nennen, aber auch zweisilbig«. Bl. 16r: »ich habe Original nicht hier die Correktur. (Und Eile nun!!)« Bl. 20r: »Da kommt der große hebräische Satz hin / Auch die Antwort ist viel breiter und wuchtiger original.« Bl. 21v: »Frau Else Lasker-Schüler / Kolberg / in Pommern / Münderpostamt / postlagernd // Herrlich Meer hier Wald – Pension famos 6 Mk per Tag mit allem – großartig Essen // Fortsetzung folgt morgen / Schreibt sofort Karte, ob angekommen, bin sonst gesundheitlich sehr beunruhigt«. Bl. 22r: »Lieber Heinrich von Böhmen. / Ich traus Ihnen gern an, Immer waren Sie gleich liebreich zu mir sehr traurigen Prinzen Jussuf. // Kolberg in Pommern / Münderpostamt / postlagernd / Else Lasker-Schüler // Ich kann nicht mehr Hand bewegen, noch durchsehen. Verzeiht. // Schluß der Geschichte. Bitte sofort Ankunftmeldung beider Briefe. // Noch eins die Worte sind viel viel eindringlicher, die im Original der Großvater im I. Abschnitt zum Pfarrer sagt wegen Taufe«. Bl. 49v: »Prof. Reinhardt wird entzückt sein, ich weiß es!! / Innige Grüße! / 2 ½ Stunden v. Berlin / Ich komme auch Heringsdorf näher für Sie«.

[**] Textlücke von 25 Buchstaben.

[***] Beginn des handschriftlichen Textes.