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[150] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Zürich, Anfang März 1937 (1)

Aktualisiert: 15. Februar 2026

* * *

Emil Raas
[1]

[1][2][3][4][5][6]

Lieber Mill

Danke für die Bonbonnière,

Sie ist so schön, auch anzusehn,

Als käme sie aus einer anderen Sphäre,

Mir gerade in die Quere.

Ich sitz so gern im Cinema

Und ess die Plalinesen da.

Ich sitz’ so gerne ganz allein

Bei Taltzahn IV im Urwaldhain.

Ein wunderbares wildes Stück

Ach bitte gehn Sie mir zum Glück,

Falls es in Bern im Kino: Stern?

Gespielet wird ja mit einem Herrn

hinein.

[2] Ich fass gar nicht, daß Sie kommen, um zu gehen! Es wirkt wirklich sadistisch. Auch essen Sie nie bei mir. Warum: Ich versteh das nicht. Sie kommen aus Gewissenhaftigkeit wie zum Armen. Andere Menschen kamen einst zum Fest zu mir. Sie reißen immer etwas auf in mir. Was bin ich Ihnen? – Ein Mündel, eine Waise (oder mit e?) oder ein Lied? Ich meine Augenlid. Keine Angst nie im Leben, schwöre Doppeleid würde der Prinz von Theben, [unter dem Wort Mondsichel mit Stern] ich erlauben, daß Sie mich etwa küßen. Sie meinen, oder Sie meinen doch, ich denk daran? Nie im Leben würde ich es erlauben, [3] weder aus Liebe noch aus Haß. Im Grunde kämpft immer Haß und Liebe bei Ihnen und streuen Sie doch lieber Mäusegift. Ich reise nicht nach London. Auch ist Stenz lange seit 28. II. fort; vielleicht New-Jork. Ich werde schon Nachricht erhalten. Sie können mich nicht verkuppeln. Ich such mir allein, wenn ich will, aus. Ich wollte wieder schreiben: Sie können mir! Aber ich bezwing mich und schreib nit. Was machen Sie Sich Sorgen um meine nassen Plattfüße um meine Erkältungen. Sind Sie mein Adoptivpfleger. Telephonieren [4] tun Sie doch nicht. Ich werd nach meinem Abend telephonieren, wieviel ich eingenommen. Soll ich mal dann 2 Tage nach Bern heimlich kommen: Hôtel Wächter. Ich geh dann allein durch die Straßen, seh was anderes mal wieder. Besuche Frau Dr. Bagotzky und Frau Dr. Baumgarten. Ich hab noch paar Berliner Leute dort, muß erst Adr. nachsehen. Ich esse alleine, da ich mich stets geniere. Auch mit Ihnen nicht im Restaurant bei den Schwarzen und den Blonden

Zwischen Menschen oder abgesonden.

Ich ess alleine, denn ich bin ein Kanibale

Und bezahle, weil ich hier bezahle.

Zwischen Sitten in der Mitten

Tellern Gläsern und dergleichen,

[5] Was soll ich, der Menschenfresser, mit Gabel Löffel u. mit Messer?

Ich der heimatlose Paraguayer,

Passe nicht zu Schulz und Müller, Maier

Ich passe auch nicht zur Ottilie,

Der feldgewachsenen weißen Lilie,

Auch nicht zu Ihrer Liebfamilie.

Ich passe wo in eine Kneipe oder auf einem Schiff oder wo in einem Sumpflokal Lakol, Alkohol, Lebt wohl, Monopol. Verzeiht den Kohl.

[Kopf im Profil mit Federschmuck] Erzählen Sie Renée von meiner Indianertasche.

[6] Ich malte Ihnen eine Cigarettenschachtel im Selekt. Soll ich senden? Und Weltys Brief senden u. meinen Essay?

[Frauenkopf im Profil mit Fes, weinend, davor Glas mit Strohhalm] Im Selekt

Was ich besaß an Liebgeschmeide, liebte ich sehr bald nicht mehr.

Kann ich deutlicher, ehrlicher sprechen.

Erklären Sie mir nur nie wieder was durch die Blume vom Alterswert und Unwert!

[Ansatz zu einer erhobenen Schwurhand] Eid

Kann plötzlich nicht zeichnen.

Ich eide daß ich nie erlaubte, daß Sie auch nur mein Gesicht streiften. (zu krank)

Also keinen falschen Kampf.

Keine falschen Gedanken.

Anmerkungen

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 71). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 17 f.

Der Hinweis auf Abraham Nochem Stenzels angebliche Abreise aus London (»28. II.«) ist verbessert aus »vorgestern«. – Stenzel lebte von Ende 1936 bis zu seinem Tod in London. – Taltzahn IV im Urwaldhain • Tarzan: von dem amerikanischen Schriftsteller Edgar Rice Burroughs (1875–1950) geschaffene Roman- und Filmfigur. In zahlreichen Romanen, zuerst 1914 in »Tarzan of the Apes«, schildert Burroughs mit simplen Effekten des Abenteuerromans den Kampf des ›edlen Wilden‹ Tarzan gegen die das unverdorbene Urwaldleben bedrohende Zivilisation. Der Stoff war zuerst 1918 verfilmt worden. 1932 spielte Jonny Weissmuller (1904–1984), Prototyp aller späteren Tarzan-Darsteller, in »Tarzan the Ape Man« erstmals die Hauptrolle. 1934 und 1936 folgten zwei weitere Filme mit Jonny Weissmuller: »Tarzan and His Mate« und »Tarzan Escapes«. 1933 spielte Buster Crabbe (1907–1983) in »Tarzan the Fearless« die Hauptrolle. Else Lasker-Schüler erwähnt Tarzan auch in den beiden nachgelassenen Prosaschriften »Ein paar Tagebuchblätter aus Zürich« (S. 13) und »Tagebuchzeilen aus Zürich« (S. 16). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2001, S. 383 und 408. – »Tarzan Escapes« wurde mit dem Titel »Tarzans Flucht« ab dem 20. Februar 1937 für zwei Wochen in Zürich im »Rex« gespielt. – in Bern im Kino • Der Film war in Bern ab dem 20. Februar 1937 für eine Woche im »Capitol« gezeigt worden. – Stenz • Abraham Nochem Stenzel. – meinem Abend • Else Lasker-Schüler las am 19. März 1937 im Zürcher Kramhofsaal; die Veranstaltung war ursprünglich für den 10. März angekündigt worden. Vgl. Jüdische Presszentrale Zürich, Jg. 20, Nr. 932 vom 5. März 1937, S. 11 und Nr. 934 vom 19. März 1937, S. 11. – Über den Abend heißt es in einer mit »-r-« gezeichneten Besprechung: »[...] auch die Neugierde der Gekommenen wurde befriedigt, denn man konnte nicht nur die Zeichnungen sehen, welche die Künstlerin in Palästina mit kühnem Schwung geschaffen, sie las auch einige Abschnitte aus dem ›Hebräerland‹ vor. Dichterisch, phantasievoll, demutsvoll fromm – so erlebt Else Lasker-Schüler das heilige Land. Sie sieht die Wirklichkeit menschlich, das Land göttlich, und in ihrer Fantasie steigen auch Erinnerungen an bis dahin Erlebtes und visionär Gesehenes auf. Das Reisebuch dieser großen jüdischen Dichterin, das in den nächsten Tagen im Verlag Oprecht erscheint und schon jetzt dort vorbestellt werden kann, zeigt das heilige Land in fromm-dichterischer Verklärung; es entbehrt dabei doch nicht jenen feinen Humor, den die Frau Lasker so gern zu Geltung bringt.« (Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz [Zürich], Jg. 37, Nr. 13 vom 26. März 1937, S. 18). – Ottilie • So heißt eine der Hauptfiguren in Goethes Roman »Die Wahlverwandtschaften«. – Renée • Schwester von Emil Raas. – Selekt • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«). – Weltys Brief senden u. meinen Essay • Vgl. zu [Brief 146] (»was schreiben soll N. Z. Z.«).