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[151] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Zürich, Anfang März 1937 (2)

Aktualisiert: 16. Februar 2026

* * *

Emil Raas
[1a]

[1a][1b][2][3][4][5][6a][6b]

Lieber Mill.

Ich war sicher so unliebenswürdig, aber nur vor Freude, (glaube ich.) Ich dachte auch, Sie kämen am Abend. Ich hätte so gerne gehabt, Sie hätten mittags bei mir im Kraal gegessen: Gestern schon pflückte ich im Urwald alles und machte herrlichen Salat – auch mit Olivenöl und Citronen und Eigelb und Eischaum und aß ihn auch heute weiter, und buckte Spiegeleier und für Sie kaufte ich zum [2] Abend vier Eier und gekochten Schinken und Kalbfleisch im Urwaldshop und zwei frische Bückkinge fischte ich im River, ganz frische, sagten Sie selbst. Und eine Bowle hätte ich gemacht von Rebenmost, den holte ich schon einmal im Selekt. Ich hatte auch noch kleine Büchse Ananas von Dr. Roms. Ich hätte Ananasbowle gemacht. Sie sahen doch die große Flasche Eptinger, die kommt zum Brausen halb hinein. Sie behandeln mich aber wie ein Armer. Jetzt mach ich mir extra Cacao und esse Anisplätzchen dazu, vorher ein Brödchen mit dick [3] Butter. Dr Oprecht hat so gelacht, wie ich mit den pauvren Bilets kam. Dann ging ich zur Post. Erik schrieb, er reiste ab. Ich schrieb, er soll vorher hierher kommen, aber ich glaub, er reist Paris. Ich war so unliebenswürdig, dabei die schönen Pralinées. Ich geh morgen allein ins Kino, und ess sie still, wie im Idyll für mich allein. Ich geb so ungern mit. Sie wollen doch auch, ich soll sie selbst essen. Ich ärgere – mich immer, kommen Blumen bei den schlechten Zeiten der Chokoladenfabriken. Den Riesenkorb: Branns Direktoren verkaufte ich nebenan im Blumenladen und [4] kaufte mir Honig. Ich bin so unglücklich.

Eben schrieb Gretler Bern und Chorin von Jerusalem. Ich soll dort Vorträge halten

Und Manfred Georg, soll Gedicht senden nach Prag Jüdische Revue, darin so schön Arnold Zweig über mich schrieb. Er schrieb noch er M Georg sei zur Première hier gewesen, furchtbar geklatscht.

Ich leg Karte ein. Bitte sofort wiedersenden.

Hatte keine Kritik erhalten

Dort kann ich meine Antwort hin senden?

[5] Schicken Sie doch auch mal ein Gedicht dort ein.

Herrliche Beiträge!

Jüdische Revue

Redaktion: Dr. Manfred Georg

Prag XII Rimska 42.

Nit böse sein?

[Frauenkopf im Profil mit Federschmuck und Stern] Indianer Pampa

[1b] Vorgestern im Kino (Urwald Tanzahn oder Tatzahn) plötzlich dacht ich, ich muß teleph. Sie sind krank geworden. Ehrenwort! (Sonst lüg ich.)

[1a] Waren Sie auch gestern hier? mußte eben plötzlich so denken.

[6a] Früher spielte ich vor 1000 Jahren immer mit einem kleinen Spielkameraden Seeräuber.

So einen Palast (meine ich) hoch am Meer. Seh ich dann einen der Schwitzer – Ehrenwort!! ich und die Somaliseeräuber sprengen an den Strand [6b] und berauben ihn und dann die Schwitzer mit den Kartoffelstimmen ins Meer. mit der ganzen Switzergesellschaft. herein. [Schiff] So eine Wut haben wir hilflosen armen Emigranten auf diese Leute!

Anmerkungen

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 70), S. [1a] bis [5], und Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 74), S. [6a] bis [6b]. Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 19 f.

Else Lasker-Schüler hat den vorliegenden Brief unmittelbar nach dem Eintreffen der beiden Briefe von Schalom Ben-Chorin vom 22. Februar 1937 (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 79]) und von Manfred George vom 1. März 1937 (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 119]) geschrieben. – Selekt • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«). – Eptinger • Namhaftes schweizerisches Mineralwasser aus Eptingen im Kanton Basel-Landschaft. – Bilets • Vgl. zu [Brief 150] (»meinem Abend«). Else Lasker-Schüler schickte Emil Oprecht eine Einladung am 3. März 1937. Abgedruckt: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 20. – Erik • Erik Heilbronn. – Branns Direktoren • Kurt Ittmann und Hugo May. – Chorin von Jerusalem • Schalom Ben-Chorin hatte am 22. Februar 1937 Else Lasker-Schülers Postkarte vom 17. Februar (vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 16) beantwortet: »[...] unter der allerersten Post in meiner, neuen Wohnung die fernab v. Rechavjah liegt war Ihre Postkarte, auf der Sie sich mit Recht (!!) über den Ernte-Verlag beschweren [...]. Wenn Sie Ende März hier sind, rate ich Ihnen das Verlagsbüro aufzusuchen und nicht zu weichen, ehe die Herren ihre Schuld berappt haben. – – Wegen des Vortrages müssten wir hier sprechen und Art und Höhe des Honorars vereinbaren.« Vgl. zu [Brief 141] (»Journal die Ernte«). – Manfred Georg • Manfred George hatte am 1. März 1937 an Else Lasker-Schüler geschrieben: »Lassen Sie mir doch sofort Ihr Hebräer-Buch senden oder schicken Sie mir ein schönes Gedicht. Aber bitte ein neues. Im übrigen habe ich unten im Parkett gesessen und beim ›Artur Aronymus‹ furchtbar geklatscht. Es war ein bezaubernder Abend. Meine Kritiken in der ›Pariser Tageszeitung‹ und in der ›Bohemia‹ hier sind Ihnen sicher zugestellt worden.« – Vgl. eo. [d. i. Manfred George], Else Lasker-Schüler-Première. Uraufführung von »Arthur Aronymus und seine Väter«, in: Pariser Tageszeitung, Jg. 2, Nr. 205 vom 2. Januar 1937, S. 3. George schreibt: »Das in zahlreichen Bildern locker gefügte Stück schwebt zwischen zartester Liebespoesie und drastischem Kindermund, zwischen Volkslied und Gedankenstück. Die grosse Lyrikerin Else Lasker-Schüler hat die Gefühle ihrer heimatbangen Seele und die scheuen, sanften Visionen ihrer Traumgesichte hineinverwoben und zwischendurch schiesst ein glückliches Erinnern lustige Purzelbäume. Eine magische Dichtung, aus deren Urgrund die grosse Liebe zu den Menschen von Szene zu Szene in immer reinerem Feuer flammt.« Die Besprechung war zuvor in der »Deutschen Zeitung Bohemia« erschienen. Vgl. m. g. [d. i. Manfred George], Uraufführung in Zürich. Else Lasker-Schüler: »Artur Aronymus und seine Väter«, in: Deutsche Zeitung Bohemia (Prag), Jg. 109, Nr. 299 vom 24. Dezember 1936, S. 5. – Im Juniheft der »Jüdischen Revue« (Mukačevo) (Jg. 2, Nr. 6, S. 369–372) erschien ein Auszug aus dem »Hebräerland« mit dem Titel »Spaziergang im Hebräerland«. – Arnold Zweig über mich schrieb • Arnold Zweig, Else Lasker-Schüler, in: Jüdische Revue (Mukačevo). Jg. 2, Nr. 2 vom Februar 1937, S. 122–124. Einleitend charakterisiert Arnold Zweig die Dichterin wie folgt: »Ungebrochen und abseitig eine Lebenslinie zu ziehen und sie vor sich hinzuleben, die schönsten und lockersten Strophen einer ganzen Literaturepoche zu schreiben und zwischen Leben und Dichtung unter keinen Umständen einen Unterschied zuzulassen: dessen ist Else Lasker-Schüler fähig. In einer Zeit wie der heutigen steht sie als Fremdling, als Seltsamkeit: als ein wirklicher Dichter. Darum wirkt sie wie die bewegte Welle selbst, auf und ab. Das Getriebene ihres Wesens meldet sich, wo immer sie weilt.« – Tanzahn oder Tatzahn • Vgl. zu [Brief 150] (»Taltzahn IV im Urwaldhain«).